Alina Schäfer
Soziale und ökonomische Ungleichheiten im Bildungssystem beeinflussen den Bildungserfolg von Kindern. Die Stereotype-Threat-Theorie, die die Angst beschreibt, negative Stereotype zu bestätigen, bietet einen Erklärungsansatz für diese Ungleichheiten. Während dieser Effekt bereits umfassend bei Erwachsenen und Jugendlichen untersucht wurde, ist wenig über seine Auswirkungen auf Grundschulkinder bekannt, insbesondere in Bezug auf ihre sozialeHerkunft. Die vorliegende experimentelle Studie untersucht, ob Stereotype Threat die kognitive Leistung von Viertklässlern in Deutschland negativ beeinflusst, insbesondere im Kontext ihres sozioökonomischen Status (SES). In einem 2 × 2-Design (SES: niedrig/hoch; Stereotyp aktiviert/nicht aktiviert) bearbeiteten 24 Kinder Raven’s Progressive Matrices. In der Experimentalbedingung wurde den Kindern erklärt, dass der Test ihre logische Denkfähigkeit misst, während in der Kontrollbedingung der Test als neutrale Überprüfung der Altersangemessenheit dargestellt wurde. Ergänzend wurden Fragebögen zur Erhebung demografischer Daten, zur Wahrnehmung von Stereotypen und zur Selbsteinschätzung eingesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder mit niedrigem SES in der Experimentalbedingung tendenziell schlechter abschnitten, jedoch keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden konnten.
Unerwarteterweise äußerten Kinder in der Experimentalbedingungeine geringere Zustimmung zu negativen Stereotypen. Aufgrund der geringen Stichprobengröße sind diese Befunde mit Vorsicht zu interpretieren. Die Resultate deuten darauf hin, dass der Einfluss von Stereotype Threat auf Grundschulkinder komplex ist. Weitere Forschung ist notwendig, um die Mechanismen und Auswirkungen dieses Phänomens im Hinblick auf die soziale Herkunft von Kindern besser zu verstehen.