{"id":80,"date":"2016-11-07T17:06:37","date_gmt":"2016-11-07T16:06:37","guid":{"rendered":"http:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/?p=80"},"modified":"2016-11-07T17:07:32","modified_gmt":"2016-11-07T16:07:32","slug":"replik-zum-blogbeitrag-neue-lernkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/2016\/11\/07\/replik-zum-blogbeitrag-neue-lernkultur\/","title":{"rendered":"Replik zum Blogbeitrag &#8222;Neue Lernkultur?!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es ist zugegebenerma\u00dfen ein abgenutzter Kniff, einem Kritiker entgegenzuhalten, er habe die eigenen \u00c4u\u00dferungen aus dem Zusammenhang gerissen und dann mehr oder minder absichtlich missverstanden. Hier jedoch ist der Einwand berechtigt, denn es hat den Anschein, als h\u00e4tten meine \u00c4u\u00dferungen in der \u201eWirtschaftswoche\u201c nur zum Anlass gedient, ein Bekenntnis zur \u201ewahren\u201c Reformp\u00e4dagogik abzugeben.<\/p>\n<p>Wer das Interview liest, kann bereits dem Titel entnehmen, dass es hier nicht um die Reformp\u00e4dagogik geht, sondern um die Fragw\u00fcrdigkeit der \u201eNeuen Lernkultur\u201c sowie ihre p\u00e4dagogischen und politischen Implikationen. Die Reformp\u00e4dagogik wurde dabei von mir nur deswegen ins Spiel gebracht, weil die \u201eNeue Lernkultur\u201c auf Methoden zur\u00fcckgreift, die in der Reformp\u00e4dagogik entwickelt wurden. Die eigentlichen, vom Verfasser des Blogbeitrags betonten Zwecke der Reformp\u00e4dagogik werden dabei jedoch pervertiert. Auf diese Pervertierung zielt das Interview, nicht auf die Reformp\u00e4dagogik und ihr eigentliches Anliegen, dem ich zwar nicht ganz so viel abgewinnen kann wie mein Kritiker, aber weitaus genug, um dar\u00fcber keinen Streit vom Zaun zu brechen. Insofern ist es wirklich ein grobes Missverst\u00e4ndnis, wenn mir unterstellt wird, mit der skizzenhaften Beschreibung der Unterrichtspraxis der \u201eNeuen Lernkultur\u201c (2. Frage) h\u00e4tte ich reformp\u00e4dagogische Praxis beschreiben wollen. Es versteht sich von selbst, dass kein \u00fcberzeugter Reformp\u00e4dagoge so vorgehen w\u00fcrde \u2013 zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Bei dem vermeintlich \u201egrundlegenden Missverst\u00e4ndnis in Bezug auf die Reformp\u00e4dagogik\u201c handelt es sich aus meiner Sicht eher um eine Meinungsverschiedenheit, die daraus resultiert, dass wir von unterschiedlichen Positionen aus argumentieren. <\/p>\n<p>Mein Kritiker argumentiert auf der Basis eines orthodoxen Verst\u00e4ndnisses von Reformp\u00e4dagogik, das sich nat\u00fcrlich nicht in der beliebigen Mischung von Methoden ersch\u00f6pft, sondern die Selbstwerdung des Kindes\/ Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt. \u201eOrthodox\u201c ist hier nicht abwertend gemeint, eine solche Haltung mag aber schnell verkennen, dass jenseits der Zirkel \u00fcberzeugter Reformp\u00e4dagogen deren Methodenrepertoire faktisch als Werkzeugkasten benutzt wird, sei es um schulischen Regelunterricht in einzelnen Aspekten adressatengerechter zu gestalten, sei es als p\u00e4dagogisches Feigenblatt oder eben in ideologisch verschleiernder Absicht, wie ich es der \u201eNeuen Lernkultur\u201c unterstelle, weil es ihr im Kern nicht um die Entfaltung von Menschen, sondern von disponiblem Humankapital geht. <\/p>\n<p>Ich argumentiere von dieser Faktenlage aus und komme daher zu dem Schluss, dass es keine an sich guten reformp\u00e4dagogischen Methoden gibt, sondern dass deren p\u00e4dagogische Qualit\u00e4t vom Kontext und den Zwecken, denen sie dienen sollen, abh\u00e4ngt. Der Zweck ist hier ein den humanen Absichten der Reformp\u00e4dagogik zuwiderlaufender, ich sehe aber manche Reformp\u00e4dagogen in der Gefahr, dass sie diese politische Instrumentalisierung verkennen und sich dann willig vor den Karren der \u201eNeuen Lernkultur\u201c spannen lassen. Dass im \u00dcbrigen auch die Ziele und Zwecke der Reformp\u00e4dagogen keineswegs so einhellig humanistisch waren, wie von meinem Kritiker suggeriert, sei hier nur am Rande vermerkt.<\/p>\n<p>Eine letzte Klarstellung ist mir noch wichtig: Die Entstehung des Begriffs \u201eNeue Lernkultur\u201c l\u00e4sst sich historisch klar auf eine programmatische Debatte in der Erwachsenenbildung der 1980er Jahre zur\u00fcckf\u00fchren. Ab etwa der Jahrtausendwende wurde der Begriff dann auch in die Schule eingef\u00fchrt mit dem Anspruch einer grundlegenden Neuorientierung des Unterrichts. <\/p>\n<p>Warum ich diese Neuorientierung f\u00fcr problematisch halte, habe ich in dem Interview deutlich zu machen versucht. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es m\u00fc\u00dfig und irref\u00fchrend, den Begriff \u201eNeue Lernkultur\u201c nachtr\u00e4glich f\u00fcr die Reformp\u00e4dagogik als \u201ewirklich\u201c neue Lernkultur zu reklamieren (hier mit Bezug auf Peschel). Dies l\u00e4uft auf einen Hase-und-Igel-Wettlauf hinaus, bei dem die \u201eNeue Lernkultur\u201c der Igel ist. Sie hat den p\u00e4dagogisch-politischen Diskurs besetzt und ist insofern beunruhigend wirklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist zugegebenerma\u00dfen ein abgenutzter Kniff, einem Kritiker entgegenzuhalten, er habe die eigenen \u00c4u\u00dferungen aus dem Zusammenhang gerissen und dann mehr oder minder absichtlich missverstanden. Hier jedoch ist der Einwand berechtigt, denn es hat den Anschein, als h\u00e4tten meine \u00c4u\u00dferungen in der \u201eWirtschaftswoche\u201c nur zum Anlass gedient, ein Bekenntnis zur \u201ewahren\u201c Reformp\u00e4dagogik abzugeben. 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