{"id":74,"date":"2016-10-03T23:43:01","date_gmt":"2016-10-03T21:43:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/?p=74"},"modified":"2016-11-07T17:18:23","modified_gmt":"2016-11-07T16:18:23","slug":"neue-lernkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/2016\/10\/03\/neue-lernkultur\/","title":{"rendered":"Neue Lernkultur?!"},"content":{"rendered":"<p>Antwort zu dem Interview mit Professor Karl-Heinz Dammer in der Wirtschaftswoche vom 28.9.2016: P\u00e4dagoge \u00fcber &#8218;Neue Lernkultur&#8216; &#8211; An Schulen herrscht ein problematisches Weltbild<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/erfolg\/campus-mba\/paedagoge-ueber-die-neue-lernkultur-an-schulen-herrscht-ein-problematisches-menschenbild\/14609180-all.html\" target=\"_blank\">Interview in der Wirschaftswoche<\/a><\/p>\n<p>Karl-Heinz Dammer, Professor f\u00fcr Allgemeine P\u00e4dagogik an der P\u00e4dagogischen Hochschule Heidelberg, unterliegt einem grundlegendem Missverst\u00e4ndnis in Bezug auf die Reformp\u00e4dagogik: &#8222;Reformp\u00e4dagogische Methoden sind aber nicht an sich gut, sondern abh\u00e4ngig davon, in welchem fachlichen Kontext und mit welchen Sch\u00fclern sie zu welchem Zweck angewandt werden.&#8220; (im Interview) Reformp\u00e4dagogische Methoden sind kein Sammelsurium von Methoden, die in einem fachlichen Kontext auf einzelne Sch\u00fcler angewendet werden, sondern Reformp\u00e4dagogik stellt den Sch\u00fcler konsequent in den Mittelpunkt des Lernens. Die Methoden, die Freinet, Neill, Geheeb und andere entwickelten, hatten nicht die Aufgabe den Sch\u00fclern den vorgegebenen Stoff m\u00f6glichst optimal zu vermitteln. Vielmehr standen die Sch\u00fclerInnen und ihre Lerninteressen im Vordergrund und die Methoden waren dazu da, dass Sch\u00fclerInnen ihre Lerninteressen erfolgreich verwirklichen konnten. Sie waren nicht Instrument der LehrerIn sondern Werkzeug f\u00fcr die Sch\u00fclerInnen.<\/p>\n<p>Karl-Heinz Dammer stellt die reformp\u00e4dagogische Lernkultur auf den Kopf.<\/p>\n<p>In der Reformp\u00e4dagogik erarbeitet nicht die Lehrkraft &#8218;m\u00f6glichst differenzierte Unterrichtsmaterialien, die sich an den individuellen Lernst\u00e4nden und F\u00e4higkeiten der Sch\u00fcler orientieren sollen, so dass diese sie in einer vereinbarten Zeit selbstst\u00e4ndig bearbeiten k\u00f6nnen.&#8216; (Dammers im Interview) Eine solche &#8218;Selbst\u00e4ndigkeit&#8216; ist eine Farce, denn die Sch\u00fclerinnen d\u00fcrfen selbst\u00e4ndig das lernen, was die LehrInnen an Aufgaben f\u00fcr sie bereitstellen. Das ist Dressur, kein selbst\u00e4ndiges Lernen. In der Reformp\u00e4dagogik ging es um die Freiheit der Sch\u00fclerInnen das zu Lernen, was ihnen wichtig war. Es ging nicht darum, dass sie tun konnten, was sie wollte. Sondern darum das sie wollten was sie tun! (Gaudig) Die LehrerIn hilft den Sch\u00fclerInnen dabei, das was diese lernen wollen auch in ihrem Sinn erfolgreich zu lernen. Die Sch\u00fclerInnen lernen nicht das was ihnen die LehrerInnen vorgeben, sondern gehen in der Schule ihren Lerninteressen nach und erarbeiten sich so ein Bild von der Welt in der sie leben werden. Der Ma\u00dfstab ist nicht, dass sie das lernen, was sie lernen sollen. Das ist nur Reproduktion des vorhandenen Wissens.<\/p>\n<p>Was Falko Peschel in seiner Dissertation vorstellt &#8211; und was in Schulen die nach diesen Konzept des Offenen Unterrichts (offener-unterricht.net) arbeiten, sind wirklich das, was die \u00dcberschrift des Interviews als &#8218;Neue Lernkultur&#8216; bezeichnet. Das was Karl-Heinz Demmer vorstellt ist &#8218;alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen&#8216;. Wie bei vielen in der P\u00e4dagogik bleibt bei ihm unangetastet, dass die LehrerInnen bestimmt, was gelernt wird und die Sch\u00fclerInnen m\u00fcssen das nun selbstbestimmt lernen. Immer noch ist der Kerngedanke der Reformp\u00e4dagogik, das Kind und sein Lernen in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen nicht angekommen. Immer noch nutzt die &#8218;moderne Schule&#8216; nicht die Faszination das Lernen zu d\u00fcrfen was f\u00fcr einen wichtig ist. Statt dessen besteht sie verbissen darauf, das der Lehrplan das A und O der Schule ist. Dabei zeigt Falko Peschel und die anderen Schulen, in denen Sch\u00fclerInnen das lernen d\u00fcrfen, was ihnen wichtig ist, dass diese Sch\u00fclerInnen nicht &#8211; wie immer behauptet &#8217;nichts&#8216; lernen &#8211; sondern dass sie einen gewaltigen Lernvorsprung vor traditionell lernenden Sch\u00fclerInnen haben. <\/p>\n<p>Es ist eben der Unterschied zwischen etwas lernen sollen, von dem andere meinen, es sei wichtig und etwas lernen, was eine Sch\u00fclerIn interessiert, von dem sie meint, es sei wichtig f\u00fcr sie. Und das Lernen braucht gar nicht gelernt zu werden, das tun die Kinder schon bevor sie auf die Welt kommen, im Mutterleib. Manfred Spitzer (Lehrstuhl f\u00fcr Psychiatrie der Universit\u00e4t Ulm) hat den Satz gesagt: &#8222;Das Gehirn ist von der Evolution auf Lernen optimiert und tut nichts lieber und kann nichts besser.&#8220; Wenn es also in der Schule mit dem Lernen hapert, dann nicht weil die Kinder das Lernen noch nicht gelernt haben, sondern weil der Ansatz von Schule, das Lernen zu bestimmen, grundfalsch ist. Lernen funktioniert nicht nach Stundenplan und nicht in Lernh\u00e4ppchen im Stundentakt.<\/p>\n<p>Eine Sch\u00fclerin der Grundschule Harmonie in Eitorf bei K\u00f6ln formulierte das so: &#8222;Man kann zum Beispiel sagen: &#8218;Ich mach jetzt eine Seite Mathe&#8216; und man kann auch mittendrin die Arbeit wechseln &#8211; ohne jemand etwas zu sagen!&#8220; <\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel f\u00fcr das reformp\u00e4dagogische Motto, das Kind in den Mittelpunkt seines eigenen Lernens zu stellen. Eine Schule so zu organisieren, dass solche Interessenwechsel m\u00f6glich sind. Eine Organisationsform zu finden, die das aush\u00e4lt &#8211; nicht nur als Ausnahmefall sondern als Regelfall. So, dass selbstbestimmtes Lernen wirklich ein von den Sch\u00fclerInnen selbst bestimmtes Lernen ist.<\/p>\n<p>Die Aufgabe von Schule ist nicht notwendig belehren, bewerten, Lernen im Gleichschritt zu organisieren. Aufgabe von Schule kann auch ganz anders sein: Kinder bei selbstgew\u00e4hlten (nicht selbst ausgew\u00e4hlten) Lernarbeiten zu unterst\u00fctzen, ohne diese selbstgew\u00e4hlten Lernarbeiten noch mit dem und jenem was der LehrerIn wichtig erscheint und was vom Lehrplan her ganz gut dazu passen w\u00fcrde, zu bereichern (?).<\/p>\n<p>&#8222;Lernschw\u00e4chere und lernst\u00e4rkere Kinder&#8220; sind eine Erfindung der Schule. Es bedeutet, dass Kinder einen vorgegebenen Lehrstoff schneller oder langsamer lernen, also als lernst\u00e4rker oder lernschw\u00e4cher gelten. Wenn diese Messlatte beiseite gelegt wird, braucht auch kein Kind mehr das Etikett: lernschwach oder lernstark. Jedes Kind lernt eben so gut es kann und m\u00f6chte. Sicher wird es auch dann Unterschiede geben &#8211; aber eben nicht mehr auf einen Ma\u00dfstab bezogen der am Klassendurchschnitt orientiert ist, sondern auf das individuelle Lernen des Kindes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antwort zu dem Interview mit Professor Karl-Heinz Dammer in der Wirtschaftswoche vom 28.9.2016: P\u00e4dagoge \u00fcber &#8218;Neue Lernkultur&#8216; &#8211; An Schulen herrscht ein problematisches Weltbild Interview in der Wirschaftswoche Karl-Heinz Dammer, Professor f\u00fcr Allgemeine P\u00e4dagogik an der P\u00e4dagogischen Hochschule Heidelberg, unterliegt einem grundlegendem Missverst\u00e4ndnis in Bezug auf die Reformp\u00e4dagogik: &#8222;Reformp\u00e4dagogische Methoden sind aber nicht an sich &hellip; <a href=\"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/2016\/10\/03\/neue-lernkultur\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Neue Lernkultur?!<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,1],"tags":[17,16,14,15,11,12,13],"class_list":["post-74","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antworten","category-nachrichten","tag-individuelles-lernen","tag-klassendurchschnitt","tag-lernschwache-kinder","tag-lernstarke-kinder","tag-offener-unterricht","tag-peschel","tag-selbstbestimmtes-lernen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions\/83"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}