{"id":277,"date":"2017-04-30T12:39:45","date_gmt":"2017-04-30T10:39:45","guid":{"rendered":"http:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/?p=277"},"modified":"2017-04-30T12:55:46","modified_gmt":"2017-04-30T10:55:46","slug":"keinen-bann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wef-wee.net\/de\/blog\/2017\/04\/30\/keinen-bann\/","title":{"rendered":"Keinen Bann!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bevor er Nobelpreistr\u00e4ger wurde und die ganze europ\u00e4ische Hautevolee der Physik um sich versammelte, musste der d\u00e4nische Physiker Niels Bohr an der Kopenhagener Universit\u00e4t eine Aufgabe l\u00f6sen.<\/strong><\/p>\n<p>Er pr\u00e4sentierte dort eine L\u00f6sung, die in die Geschichte einging. Der Pr\u00fcfer fragte den Studenten: &#8222;Beschreiben Sie bitte, wie man die H\u00f6he eines Wolkenkratzers mit Hilfe eines Barometers feststellen kann.&#8220; Darauf antwortete Bohr: &#8222;Sie befestigen ein langes St\u00fcck Schnur am Rand des Barometers und lassen das Barometer dann vom Dach des Wolkenkratzers zum Boden hinunter. Die L\u00e4nge der Schnur plus die H\u00f6he des Barometers entspricht der H\u00f6he des Geb\u00e4udes.&#8220; Der Professor und sein Beisitzer waren entr\u00fcstet und lie\u00dfen Bohr durch die Pr\u00fcfung fallen. Dieser beschwerte sich, denn seine Antwort sei ja richtig gewesen. Der Beschwerde wurde stattgegeben, allerdings mit der Einschr\u00e4nkung, dass seine Antwort sich nicht dazu eignete, sein physikalisches Wissen unter Beweis zu stellen. Also wurde ihm die Frage erneut vorgelegt, und Bohr br\u00fctete, solange es die Zeit zulie\u00df. Er hob den Kopf und sagte, dass er auf verschiedene L\u00f6sungen gekommen sei und er nat\u00fcrlich nicht wissen k\u00f6nne, welche der L\u00f6sungen nun von ihm erwartet w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Ungeduld wuchs, und so legte er schlie\u00dflich los: Man k\u00f6nne das Barometer vom Dach des Hochhauses werfen und die Zeit stoppen, bis es auf dem Grund aufschl\u00e4gt. Nach der Beschleunigungsformel h = 1\/2 * g * t<sup>2<\/sup> bekomme man die H\u00f6he, habe dann allerdings das Barometer geopfert. Bei Sonnenschein k\u00f6nne man aber auch die H\u00f6he des Barometers und dessen Schatten messen, um dann den Schattenwurf des Hochhauses abzuschreiten. \u00dcber den Strahlensatz komme man zur gesuchten Hochhaush\u00f6he. Bohr setzte fort: Wissenschaftlicher aber sei es, das Barometer an einer Schnur vom Dach zum Grund pendeln zu lassen. Die H\u00f6he folge der Formel der gravitationalen Wiederherstellungskraft: T = 2pi<sup>2<\/sup>. Und Bohr trieb es noch weiter: &#8222;Sicher hat das Geb\u00e4ude eine Feuertreppe an der Fassade. Da k\u00f6nnte man das Barometer wie einen Zollstock jeweils abtragen.&#8220;<\/p>\n<p>Erst ganz zum Schluss lieferte Bohr, was die Pr\u00fcfer h\u00f6ren wollten: &#8222;Die langweiligste, die orthodoxe L\u00f6sung w\u00e4re, mit dem Barometer den Luftdruck auf dem Dach des Wolkenkratzers und auf dem Boden zu messen und aus dem Unterschied die H\u00f6he des Geb\u00e4udes abzuleiten.&#8220; Und damit war Niels Bohr nicht fertig: Er w\u00fcrde eine andere L\u00f6sung vorziehen, denn man solle ja seinen verstand benutzen und den einfachsten Weg w\u00e4hlen. Folglich w\u00fcrde er beim Hausmeister nach der H\u00f6he des Geb\u00e4uses fragen und ihm zum Dank das Barometer schenken,<\/p>\n<p>Auf sechsfache Weise findet Bohr die L\u00f6sung und zeigt damit, dass es nicht die einsame Methode gibt, die zum Ziel f\u00fchrt, sondern dass es gerade die Vielfalt, der ganze Blumenstrau\u00df aus M\u00f6glichkeiten ist, der auf verschiedenen Wegen zum Ziel f\u00fchrt. So entsteht ein Wissensgeb\u00e4ude, dessen W\u00e4nde sich gegenseitig st\u00fctzen und nicht alles auf einer einzigen S\u00e4ule ruht. Goethe h\u00e4tte \u00fcbrigens auch den d\u00e4nischen Pr\u00fcfern, die nur die eine Barometerl\u00f6sung h\u00f6ren wollten, widersprochen: &#8222;Man lege sich als Naturforscher keinen Bann auf!&#8220;, betonte er und ermutigte uns dazu, &#8218;mannigfaltige&#8216; Wege zu beschreiten.<\/p>\n<p>Wer sich nur an <em>eine<\/em> Art zu fragen, zu suchen, zu verstehen zulassen will, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf ein Ph\u00e4nomen treffen, das er mit seiner Art zu forschen nicht verstehen &#8211; ja, vielleicht ger nicht bemerken wird. Doch je vielf\u00e4ltiger und bunter die Arten sind, in denen man die R\u00e4tsel der Welt zu verstehen bereit ist, umso vielf\u00e4ltiger und bunter kann sie erscheinen.<\/p>\n<p><strong>Autor<\/strong>: Wolfgang Held<br \/>\nVer\u00f6ffentlicht in a tempo 04\/2017 S. 10, die welt wahrnehmen<br \/>\nHier ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Held.<br \/>\n<em>Zusatz in a tempo: Wolfgang Held studierte P\u00e4dagogik und Mathematik. Er ist Beauftragter f\u00fcr Kommunikation am Goetheanum, verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift &#8218;Das Goetheanum&#8216; und Autor zahlreicher B\u00fccher. Im M\u00e4rz erschien sein aktuelles Buch: &#8218;So kommt das Neue in die Welt&#8216; [ISBN 978-3-7725-2876-7]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor er Nobelpreistr\u00e4ger wurde und die ganze europ\u00e4ische Hautevolee der Physik um sich versammelte, musste der d\u00e4nische Physiker Niels Bohr an der Kopenhagener Universit\u00e4t eine Aufgabe l\u00f6sen. Er pr\u00e4sentierte dort eine L\u00f6sung, die in die Geschichte einging. 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