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Rezensionen

zu:
Pehnke, Andreas:
"Ich gehöre in die Partei des Kindes!"
Der Chemnitzer Sozial und Reformpädagoge Fritz Müller (1887 - 1968)

Sax-Verlag Beucha 2000
Rezensent: Jürgen Göndör


In der Weimarer Zeit hat der Reformpädagoge Fritz Müller eine Reformschule geführt, die recht gut auf den Punkt bringt, was Schule heute von damals unterscheidet. Parallelen zur Freinet-Pädagogik gibt es auch genug - ein Beweis mehr dafür, daß nicht durch "mehr Schule", sondern nur durch "andere Schule" etwas verändert werden kann. Der Schulversuch wurde am 6. März 1933 abrupt beendete. Schulleiter und weitere 6 Versuchsschullehrer - darunter auch Fritz Müller wurden aus dem Schuldienst entlassen. Nachdem des Landesverband der christlichen Elternvereine eine Bitte um Auflösung der Versuchsschulen ausgesprochen hatte, wurden im April alle (reformpädagogischen) Versuchsschulen in Sachsen in "Normalschulen" überführt.

Müller sah in "einer Klasse nicht mehr nur eine Summe von Einzelwesen, sondern eine Einheit, einen Lebensverband" in dem| "das vielgestaltige Erleben des Einzelkindes und der Klasse der Nährboden" der Schularbeit war. "...seitdem weiter das Erarbeiten von Erkenntnissen und Ergebnissen an die Stelle des Lehrervortrages getreten ist, seitdem uns endlich im Zusammenhang damit die Ausbildung der kindlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten ungleich wichtiger ist als die Aneignung und Anhäufung fertig dargebotenen Wissensstoffes, haben sich natürlich auch die Formen und Verläufe der Arbeitsprozesse mannigfach umgestaltet."

"Die gleichartige und gleichförmige Tätigkeit von 30-40 Einzelschülern, die möglichst abgeschlossen und unbeeinflußt von Mitschülern zu leisten war und die ihren Zweck in der Steigerung der individuellen Tüchtigkeit erfüllt sah, wird immer mehr abgelöst durch weiter gespannte, von Umwelt, Mitschüler, Lehrer und Klasse beeinflußte und mitbestimmte gemeinsame Arbeit (Hervorhebung im Original)."

Aus dem versuchsweise erprobten jahrgangsübergreifenden Unterricht, der zunächst nur zwei Klassen umfaßte (1921) wurde schon 1923 in eine aus den Klassen eins bis acht gemischte Gruppe aus 15 Mädchen und 18 Jungen. Grundlage des Modellprojektes waren sechs Kriterien:

  1. Stete Rücksicht auf die natürliche Entwicklung des Kindes
  2. Gestaltung der Gruppengemeinschaft in Anlehnung an das wirkliche Leben: Zusammenselben verschiedener Altersstufen und beider Geschlechter.
  3. Gemeinsame Erziehung unter Verzicht auf gemeinsamen Unterricht. Bei dem sich gegenseitig ergänzenden Ineinandergreifen von Erziehung und Unterricht hat das erstere als das Wertvollere zu gelten.
  4. Ziel des Gemeinschaftsleben soll sein: Erziehung zur Selbsttätigkeit, Selbständigkeit und gegenseitige Hilfe.
  5. Weitergehende Teilnahme der Kinder an der Verwaltung der Gruppe: Mitverantwortlichkeit.
  6. Gruppen und Einzelunterricht unter Zuhilfenahme der älteren Kinder: Helfersystem

Interessanterweise wird jetzt nicht der Unterricht beschrieben, sondern die "Struktur der Gruppe Müller":

"Nach eigener Wahl der Kinder gliedert sich die Gruppe in fünf Tischgemeinschaften mit je einem Führer. Dem von der Gruppe gewählten Vorstande steht ein ebenfalls von der gesamter Gruppe gewählter Ausschuß zur Seite (7 Kinder aus verschiedenen Altersstufen). Die oberste Instanz in allen wichtigen Entscheidungen und strittigen Fragen ist die Klassenversammlung. die wird gebildet von der gesamten Klassen und dem Klassenleiter. die Hauptversammlung berät über alle gemeinsamen Angelegenheiten: Stundenplan, Stoffauswahl, Stoffreihenfolge, Feste und ihre Ausgestaltung; sie spricht sich aus über alles gemeinsam Erlebte: Wanderungen, Vorträge, Vorführungen, Feste.

Neben diesen gemeinsamen Besprechungen der ganzen Gruppe gibt es Besprechungen und Unterricht in Abteilungen und Kursen, z.B. gruppenweises Rechnen, Fachunterricht in freiwilligen Interessengruppen, feste Kurse in Formenlehre (Anfänger und Fortgeschrittene), Algebra, Literatur (zeitweilig abgelöst durch Erdkunde und Naturkunde).

Die Gruppe war nicht aufgeteilt in den Kursplan der Schule, einige Kinder besuchten jedoch die Schulkurse in Englisch, Stenographie, Esperanto, Werkunterricht. Ebenso stand Kindern anderer Klassen der Besuch unserer Gruppenkurse frei (in Formenlehre und Algebra ist Gebrauch davon gemacht worden).

Außer den Elementaristen waren alle Kinder der Gruppe paarweise (wahlfrei) zusammengeordnet: jedes Kind des 6. - 8. Schuljahres hatte ein jüngeres zu beaufsichtigen, zu beraten, zu fördern und ist für dessen Arbeiten und Leistungen verantwortlich. [...]

Etwa ein Drittel der Wochenstunden stand jedem Kinde als freie Selbstbeschäftigung zur Verfügung [...]

Die Gruppe wurde regelmäßig zusammengefaßt zu gemeinsamer Geselligkeit, meist allwöchentlich. Neben diesen Wochenfeiern wurden Feste zu besonderen Gelegenheiten veranstaltet ... Die Ausgestaltung dieser Feiern lag ganz in den Händen der Kinder."

Den Schulbetrieb beschreibt ein Schüler so:

"Sie war im besten Sinne des Wortes eine Schule mit den größten Freiräumen. Wäre es anders gewesen, hätte ich nicht meine ganze freie Zeit dort verbracht. Zu dieser Bereitschaft haben die Lehrer das meiste Beigetragen. Viel auch das System der freiwilligen Betätigung, der Zugang zur Weiterbildung, handwerklicher Beschäftigung und Unterhaltung. Mit zehn Jahren fertigte ich Linolschnitte an, die in der Schulzeitung abgedruckt wurden. Mit zwölf Jahren bastelte ich aus Pappe, Silberpapier, Draht und Leim einen Zeppelin, der über einen Meter lang war. Alle Mitschüler bewunderten das zur Ausstellung gebrachte Werk. Anlaß war die aufgekommene Zeppelin-Euphorie in Deutschland. Besessen war ich vom Mathematik- und Geometrieunterricht. Was an Lernsätzen vermittelt wurde setzt ich in Modelle um. Aufklappbare Würfel, Kegel, Pyramiden, Kugeln und vieles mehr in bunten Farben, die alle Formeln optisch anschaulich machten, ließen ein dickes, Mathematikbuch entstehen.."

Dieser Schüler erhielt dann in den Jahren der Weltwirtschaftskrise (1928) keine Lehrstelle. Er wurde wegen der Zwei in sittlichem Verhalten von keinem Lehrherren angenommen. Diese waren wohl damit überfordert oder nicht Willens, die ausführlichen Berichtszeugnisse zu lesen. Für sie galten nur die einfach zu vergleichenden Ziffernnoten.

Die Dokumentation gibt auch Einblick, wie Spießertum in Zusammenarbeit mit Schulamt und ministerielle Bürokratie den Schulversuch schon vor Hitler strangulierten: Eine (!) prüde Mutter brachte den Vorsitzenden des Lehrerrates dazu (ohne daß der Lehrerrat ingesamt zugestimmt hätte), das Schulamt anzurufen und die Koedukation wurde gekippt, das Ministerium reagierte (wohl im Vorgriff auf Kienbaum): Die Ermäßigungsstunden für Versuchsschulen wurden halbiert (von 4 h auf 2 h) und schob - das gab es schon damals - eine Effizienz-Prüfung der Versuchsschulen hinterher (1931). Dummerweise war der Bericht positiv - auch das war damals schon so. Geändert wurde nichts. 1933 folgte dann der bereits erwähne Abbruch des Schulversuches.

Abschließend berichtet das Buch noch von der Neugründung der Schule nach dem 2. Weltkrieg - natürlich ohne Fritz Müller. Ein eindrucksvolles Kapitel ministeriellen Vorgehens rundet den Aufstieg und den Fall der Chemnitzer Versuchsschulen ab.

Das Buch wird abgeschlossen durch ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis.

Andreas Pehnke: "Ich gehöre in die Partei des Kindes!"
Der Chemnitzer Sozial- und Reformpädagoge Fritz Müller (1887-1968)
In Diktaturen ausgegrenzt - in Demokratien vergessen und wiederentdeckt
Sax-Verlag Beucha, 2000 (1)
ISBN 3-934544-01-0, 151 Seiten


A. Pehnke



Prof. Dr. Andreas Pehnke
Universität Greifswald
Veröffentlichungen