WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
Wir sind umgezogen! Die neue Seite erreichen Sie unter: http://wef-wee.net/de/index.php
Diese Homepage wird nicht mehr gepflegt.
Bitte erneuern Sie ihre Bookmarks.



6. ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION
6.1 Die pädagogische Tradition Geheebs – Von der Vergangenheit zur Gegenwart

In Herders Lexikon der Pädagogik der Gegenwart von 1930 steht über die Odenwaldschule und ihren Gründer Paul Geheeb: „Anzuerkennen ist an Geheeb das Vertrauen auf den gesunden Sinn unserer Jugend, der Ernst, mit dem er sie ernst nimmt, und sein mutvolles, konsequentes Handeln, das sein Werk zu dem umfassendsten und kühnsten Schulversuch Deutschlands, ja vielleicht ganz Europas gemacht hat, der geradezu zu einer Wallfahrtsstätte für Suchende aus aller Herren Länder geworden ist.“ (ALPHEI 1999(2))

Ich denke, dieser Grundhaltung Kindern und Jugendlichen gegenüber ist die Odenwaldschule auch heute noch treu. Darauf beruht das pädagogische Konzept der Odenwaldschule damals wie heute. Dinge, die sich veränderten oder auch weiterentwickelten, änderten nichts an der grundsätzlichen Position und dem Verständnis von Pädagogik der Odenwaldschule.

6.2 Die Odenwaldschule im heutigen Schulsystem Welche Bedeutung hat die Odenwaldschule heute für die öffentlichen Schulen bzw. für das allgemeine Bildungswesen? Erstens entlastet sie das Regelschulsystem in so manchem Fall von Aufgaben, mit denen es aufgrund seiner Strukturen nicht oder nur schlecht zurechtkommt. Dieser Tatsache sind sich viele Lehrer in staatlichen Schulen deutlich bewußt. Vielen Aufnahmeanträgen liegt ein Brief des bisherigen Lehrers bei, mit der Bitte, einen bestimmten Schüler aufzunehmen, der in seiner bisherigen Schule, oder Regelschulen allgemein, nicht die Förderung, die er dringend benötigen würde, erhalten kann (BECKER/ VOGEL/ WEIDAUER 1993, 242).

Desweiteren hat die Odenwaldschule, wie die Landerziehungsheime und Reformschulen im allgemeinen, immer wieder die Funktion, Anregungen zu geben, Vorreiter für notwendige Neuerungen zu sein. Es ist für sie schneller als für Regelschulen möglich, Lösungen für bestimmte Probleme zu testen. Dem öffentlichen Schulsystem stellt sie immer wieder vor Augen, daß eine Reform der Schule nicht nur mit technokratischen Unterrichtsreformen abgetan werden kann (BECKER/ VOGEL/ WEIDAUER 1993, 241).

Umgekehrt stellt sich natürlich auch die Frage, welche Bedeutung das heutige Schulsystem für die Odenwaldschule hat. Weil die Odenwaldschule eine staatlich anerkannte Ersatzschule besonderer pädagogischer Prägung ist, und somit die Zeugnisse und Abschlüsse den öffentlichen Schulen des Landes Hessen gleichgestellt sind (ODENWALDSCHULE 1999 (2), 17), muß sie in mancher Hinsicht Kompromisse eingehen, was z. B. das Curriculum angeht. Wird dadurch eine Alternative demontiert? Oder wiegen die Vorteile der staatlichen Anerkennung diese Kompromisse auf?
Meiner Meinung nach kann die Odenwaldschule in ihrer Position als staatlich anerkannte Ersatzschule durchaus ihr pädagogisches Profil wahren, beeinflussen, da sie ja nur „gleichwertig“ bezüglich der Schulbildung sein muß, und dieses Ziel nicht „gleichartig“ erreichen muß. Ich verweise hierbei auf die in den vorigen Abschnitten aufgeführten Besonderheiten wie Werkstattunterricht, das starke Mitentscheidungsrecht der Schüler durch die verschiedenen Konferenzen, das Wohnen in Familien usw., an denen dieses Profil deutlich wird.

6.3 Ganzheitsprinzip und individuelle Begabungsförderung In der Odenwaldschule ist die Förderung aller Begabungen und Fähigkeiten sehr breit angelegt. Bei allen, zweifellos vorhandenen, Vorteilen dieser Förderung darf jedoch nicht übersehen werden, daß dieser Ansatz der gezielten intensiven Förderung spezieller Begabungen unter Umständen auch im Wege stehen kann. Es besteht die Gefahr, daß dem Kind ein oberflächliches Interesse an zu vielen Dingen anerzogen wird, anstatt daß eine spezielle Begabung gezielt gefördert wird, wobei durchaus in Kauf genommen wird, daß Anderes weniger Beachtung findet. Zusätzlich wird die in den Grundsätzen angelegte individuelle Förderung durch die staatliche Reglementierung eingeengt. Da die Odenwaldschule eine integrierte Gesamtschule ist, herrscht ein großes Begabungsspektrum, sodaß es zur Unterforderung besonders begabter Schüler kommen könnte. Durch die geringe Klassengröße kann dies aber eventuell durch die Möglichkeit der Differenzierung abgemildert, wenn nicht sogar abgefangen werden.

Als Fazit könnte man sagen, daß Prinzipien und Praxis der Odenwaldschule der Entfaltung spezieller Begabungen in einigen Fällen auch hinderlich sein können (nicht müssen), obwohl sie sich in den meisten Fällen und gerade auch bei „schwierigen“ Kindern positiv auswirken.

6.4 Nähe und Distanz in einem Landerziehungsheim Das Leben in einem Internat und speziell in einem Landerziehungsheim bringt mit sich, daß sich die dort lebenden Menschen immer wieder begegnen, was auch durchaus gewollt ist. Man sieht sich dreimal täglich zu den Mahlzeiten im Speisesaal, im Unterricht und immer wieder im Schulgelände. Das, aber auch das Leben in den Familien, fördert das Entstehen von großer menschlicher Nähe, welche im Grunde positiv betrachtet wird. Diese menschliche Nähe kann aber auch leicht in eine Art bedrängende Dichte umschlagen. Es herrscht eine „Ambivalenz der Gefühle“ (ALPHEI 1999(2)). Auf der einen Seite fühlt man sich in der Gemeinschaft gut aufgehoben und geborgen, auf der anderen Seite fühlt man sich manchmal erdrückt, weil man keine Rückzugsmöglichkeiten hat. Die meisten Schüler leben in einem Zweierzimmer, d.h., sie haben so gut wie nie die Möglichkeit ihre Ruhe zu haben, auf Distanz zu gehen. Durch den ständigen Kontakt und die Nähe erkennt man schneller die Stärken und Schwächen seiner Mitmenschen (Lehrer und Schüler). Das Zusammenleben in dieser Intensität ruft einerseits Konflikte hervor und läßt andererseits Konflikte mit anderen Ursachen deutlicher hervortreten. Das eigene Handeln hat unmittelbare Konsequenzen, sodaß man eventuell im Umgang mit anderen sensibler wird.

Die Anstrengungen des Internatlebens wirken sich allerdings nicht auf die Schüler und ihre Ersatzeltern aus, sondern sind auch für die leiblichen Eltern an Heimfahrwochenenden und in den Ferien spürbar. Dann nämlich müssen sich viele Schüler erst einmal vom Internatsleben erholen. Und ein weiterer Aspekt zur Ambivalenz der Gefühle: Viele Lehrer freuen sich auf die Ferien, erwarten dann aber bald wieder die Ankunft der Schüler mit Freude.
(ODENWALDSCHULE 1999 (1))

6.5 Die Bedeutung des Nationalsozialismus für die Odenwaldschule Sicherlich mußten während des nationalsozialistischen Regimes Kompromisse gemacht werden, damit die Schule überleben konnte. Doch waren diese Kompromisse gerechtfertigt, nur für das Überleben einer Schule? Darüber läßt sich streiten. Paul Geheeb war der Meinung, daß die Odenwaldschule in der Zeit ab 1934 bis zum Kriegsende nicht mehr die Odenwaldschule war, daß die eingegangenen Kompromisse das gesamte pädagogische Konzept vernichtet hatten. Die Schule hatte also überlebt, aber war es wirklich die Odenwaldschule? Wenn man aber die Frage einmal außer acht läßt, als was die Odenwaldschule überlebt hat, so rettete diese Schule doch so manchem jüdischen Kind das Leben. Meines Erachtens rechtfertigt allein diese Tatsache die Kompromisse, die man in der damaligen Zeit einging, um die Existenz der Schule zu sichern.

Paul Geheeb hatte die Ansicht, daß ein guter Deutscher zu emigrieren hatte, um nicht ein verachtenswerter Kollaborateur zu sein. Als Emigrant hatte man sich nicht korrumpieren lassen. Aber kann man diese Ansicht wirklich so stehenlassen? Die in Deutschland Verbliebenen versuchten wenigstens Widerstand zu leisten und nicht das Feld zu räumen und es dem Gegner einfach zu überlassen (ALPHEI 1996, 110-111).

Man kann hierüber geteilter Meinung sein. Die Odenwaldschule versucht heute jedoch bewußt mit ihrer Vergangenheit zu leben. Sie mußte sich nach dem Krieg vollkommen neu definieren, was sie heute für sich als Vorteil sieht, und was auch ihre Entwicklung positiv beinflußt hat.

6.6 Perspektiven für die Zukunft Die Odenwaldschule ist eine Schule im gesellschaftlichen Wandel (RÖHRS 1986, 90), das heißt es werden zwar alte Traditionen erhalten, aber ebenso wurden immer wieder neue Lösungsansätze auf Probleme der jeweiligen Zeit entwickelt. Dadurch, daß sie sich flexibel auf Veränderungen in der Gesellschaft einstellt , aber trotzdem sich und bestimmten „OSO-typischen“ Werten und Traditionen treu bleibt, werden sicherlich auch in Zukunft viele Eltern ihre Kinder dem „Landerziehungsheim“ Odenwaldschule anvertauen.

Auch für Lehrer wird die Lebens- und Arbeitsform immer wieder eine Herausforderung sein. Meiner Meinung nach sind die Lehrer an der Odenwaldschule zu bewundern, da sie sich ja viel intensiver mit ihren Schülern auseinandersetzen müssen, auch in ihrer Freizeit. Auf der anderen Seite stellen die damit einhergehenden intensiven Erfahrungen eine Bereicherung dar, für die diese Lehrer zu beneiden sind.