WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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4. DIE ODENWALDSCHULE IM NATIONALSOZIALISMUS
4.1 Die Odenwaldschule vor der Machtergreifung

Die Odenwaldschule war durch das Einbrechen des Nationalsozialismus natürlich besonders betroffen, da sie in einem Zustand pädagogischer Idylle war. Schon immer war die Schülerschaft international, und es gab viele jüdische Schüler und auch ausländische Lehrer. Auch die Tendenzen der Odenwaldschule, die Kraft des Einzelnen zu stärken, indem man ihm Vertrauen und Verantwortung gibt, stand im Gegensatz zu den reaktionären Tendenzen dieser Zeit.

Auch die Odenwaldschule war vor diesen Tendenzen nicht gefeit. Dies beweist ein Brief, den Geheeb im Dezember 1931 an die Mutter eines Schülers geschrieben hatte:

„Da Sie ständig in einer Großstadt leben, werden Sie genug davon wissen, in welchem fast unerträglichen Grade in den Städten die parteipolitischen Kämpfe und die politische und konfessionelle Verhetzung wüten. In der Odenwaldschule, deren Kinderbestand etwa ein Fünftel Ausländer und etwa ein Sechstel jüdische Mitglieder umfaßt, lebte man, solange sie besteht, im schönsten Frieden miteinander. Es ist mir gelungen, aus unserem kleinen Reich alle parteipolitischen Kämpfe, alle gegenseitige Verhetzung der Rassen und Konfessionen fernzuhalten. Die Kinder fragten einander gar nicht, welcher Abkunft sie waren, es war ganz gleich, ob Prinzen oder Grafen oder einfache Bürgerskinder und welcher Rasse und Nation. Dabei hat unsere Schule doch immer ein wahrhaft deutscher Geist erfüllt, da ja das deutsche Element immer 4/5 ausmachte, und wir sind stolz darauf, auch Kindern anderer Nationen die Schätze deutscher Kultur übermitteln zu dürfen. Das ist fühlbar anders geworden, seit ihr Heinrich hier lebt. ... Wir haben es Heinrichs immer wieder höchst taktlosen und unverschämten Betragen zu verdanken, daß auch in der Odenwaldschule seit einiger Zeit antisemitische Anpöbelungen und häßlichen Schimpfereien vorkommen, daß Türen und Wände mit Hakenkreuzen beschmiert werden und das frühere, schöne, friedliche Zusammenleben der Rassen und Konfessionen empfindlich gestört ist. ... Ich hoffe, Sie und Ihr Mann sind mir darin einig, daß Parteipolitik nicht Sache von Kindern ist, wenn auch die Praxis der öffentlichen Schulen heutzutage diesem selbstverständlichen Grundsatz ins Gesicht schlägt und selbst Lehrer in unverantwortlicher Weise zur politischen und konfessionellen Verhetzung recht junger Kinder beitragen.“

Hier wird deutlich, daß es Paul Geheeb bis zu diesem Zeitpunkt gelungen war, eine relativ heile Welt aufrechtzuerhalten. Im folgenden Kapitel wird deutlich, daß für Paul Geheeb und seine Odenwaldschule im sich formierenden Dritten Reich kein Platz mehr sein würde (ALPHEI 1995, 101,104).

4.2 Der Übergang 1933/34 Zwei Tage nach den Märzwahlen 1933 wurde die Odenwaldschule von einem Trupp von SA-Leuten gestürmt, die Zimmer und Schränke der Mitarbeiter und Kameraden nach kommunistischer Literatur durchsuchten. Doch diese Durchsuchung hatte nicht nur politische Gründe, sondern auch persönliche Motive. Bei dem Anführer des SA-Trupps handelte es sich um einen Mann, dessen Vater Jahre zuvor in einem Cellulose-Werk von Max Cassirer gearbeitet hatte und entlassen worden war. Dieser Anführer war zufällig in Heppenheim gelandet, wo er die Chance witterte, Rache an der Familie Cassirer nehmen zu können. Auch ein Teil der Bevölkerung Unter- und Ober- Hambachs sah nun eine Möglichkeit, sich gegen die Odenwaldschule, die ihnen nicht ganz geheuer war, zu wehren.

Damit war die Angelegenheit natürlich noch nicht vorbei. Am 11. März kam erneut ein SA-Trupp, diesmal von über 50 Männern, um die Schule zu durchsuchen. Bei dieser Durchsuchung wurde die Literatur der Schulbibliothek genau geprüft und alle verdächtigen Schriften und Bücher auf dem Goetheplatz zu einem Scheiterhaufen zusammengeworfen. Außer Schriften von Karl Marx und Rosa Luxemburg wurden auch Reiseführer über die Sowjetunion und Schriften über Koedukation usw. verbrannt. Kurt Cassirer, der Bruder von Edith Geheeb, wurde mißhandelt und ein jüdischer Chemielehrer (Esra Steinitz) verhaftet. Der Lehrer wurde zwei Tage später entlassen und emigrierte zuerst in die Schweiz und später nach Israel.

Geheeb, den dieser Vorfall verständlicherweise sehr erschüttert hatte, wandte sich an einen Freund namens Ferrière in der Schweiz. Er fragte an, ob er, falls dies notwendig sein würde, mit seinen besten Lehrern und ca. 100 Kindern in die Schweiz übersiedeln könne. Auf diese Anfrage reagierten die Schweizer allerdings ablehnend, da die Schweizer Internate, die aufgrund der Rezession in Deutschland viele Schüler verloren hatten, keine zusätzliche Konkurrenz wollten.

Da Geheeb also vorerst nicht emigrieren konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit der bestehenden Situation zurechtzukommen. Er versuchte die Situation zu verbessern, indem er Protestbriefe an die Verwaltung in Darmstadt und an das Innenministerium in Berlin schrieb. Ohne Erfolg. Die Behörden waren „gesäubert“ worden und die Beamtenschaft nazifiziert, sodaß Geheeb keinen geeigneten Ansprechpartner fand, der ihm hätte helfen können bzw. wollen.

Am 7.April kamen schließlich der neue hessische Kultusminister, Ringhausen, der Leiter des Höheren Schulwesens, Dr. Blank und der Führer der SA- Formationen bei der Aktion Bücherverbrennung, Werner Görendt, mit Polizeiaufgebot in die Odenwaldschule, um Geheeb und die wenigen Kameraden und Mitarbeiter (es waren Ferien) zu verhören. Sie stellten zwei Bedingungen, die zu erfüllen waren, damit die Schule nicht geschlossen würde.

1.Geheeb sollte fast alle seine Mitarbeiter entlassen und ein neues Kollegium einstellen.
2.Die Koedukation sollte eingestellt werden.
Geheeb wehrte sich natürlich gegen beide Forderungen, wußte aber, daß seine Weigerung die Schließung der Schule Folgen haben würde. In einem Brief an seinen Freund Ferrière wird deutlich, wie sehr die herrschende Situation in Deutschland allgemein und natürlich die Situation der Odenwaldschule Geheeb bedrückte (ALPHEI 1995, 105-106).

Er schrieb: „In den vergangenen Wochen hätte ich manchmal viel darum gegeben, Dich zu sehen und Dir recht viel erzählen zu können. Es war doch wohl die schwerste Zeit meines Lebens: wochenlang diese quälende Spannung (nicht Angst, nicht Furcht!), täglich darauf gefaßt, verhaftet zu werden. Ob Du Dir wohl eine richtige Vorstellung davon machen kannst, wie es jetzt in Deutschland zugeht? Wieviele Tausende sitzen in Gefängnissen? Daß man bereits vier große Konzentrationslager (jedes für 3 bis 5000 Gefangene) eingerichtet hat? Mit welcher Brutalität man vorgeht! Die Atmosphäre ist unerträglich!“ (ALPHEI 1995, 106).

Bei einem Besuch von Dr. Blank am 20.07.33 kam es zu einem Streit zwischen Geheeb und ihm, in dem Blank Geheeb androhte, ihn ins Konzentrationslager zu schicken.

Die Konsequenzen der bei dem ersten Besuch gestellten Bedingungen waren für die Odenwaldschule noch einigermaßen gut zu verkraften, da die vier Studienassesoren unerwartet schnell von den Schülern zu OSO-Lehrern gemacht worden waren. Das noch nicht lange eingeführte Wartesystem mußte wieder abgeschafft werden. (Das Familiensystem wurde durch das Wartesystem ersetzt, d.h. die Erwachsenen wurden als Familienoberhäupter abgelöst und jeweils fünf Schüler als Warte eingesetzt) So hatten Nazi-Mitarbeiter einen besseren Zugriff auf die Schüler. Otto Freidank, einer der Nazi-Mitarbeiter, wurde zum stellvertretenden Schulleiter ernannt.

Es war Geheeb ausdrücklich verboten, die Schule zu schließen oder als Schulleiter zurückzutreten, da dies unerwünschtes nationales und internationales Aufsehen erregen könnte. Daher dachte er sich eine andere Taktik aus und reduzierte in der Folgezeit die Schülerzahl systematisch, um einen Vorwand zu haben, die Schule aus finanziellen und nicht aus politischen Gründen schließen zu müssen.

Die Schülerzahl hatte sich vom Frühjahr bis zum Spätsommer 1933 auf 94 verringert, und im Dezember 1933 erhielt Geheeb die Zustimmung des Ministeriums, die Schule zu schließen, und emigrierte daraufhin, am 31.03.1934, in die Schweiz. Eine Woche später folgte ihm seine Frau Edith mit 25 Schülern (Kameraden). Auf Wunsch vieler Eltern, die Odenwaldschule bzw. eine Nachfolgeschule zu erhalten, kam es zu Verhandlungen mit Paul Geheeb, Max Cassirer und dem Staat, mit dem Ergebnis, daß die Erlaubnis zur Gründung einer Nachfolgeschule erteilt wurde.
(ALPHEI 1996, 106-110)

4.3 Die „Gemeinschaft der Odenwaldschule“ Heinrich Sachs und Dr. Werner Meyer, beide Lehrer an der Odenwaldschule gründeten 1934 die Gemeinschaft der Odenwaldschule und übernahmen gemeinsam die Leitung. Dies geschah mit Zustimmung Geheebs und Max Cassirers.

Heinrich Sachs arbeitete bereits seit 1920 an der Odenwaldschule als Kunstlehrer und war ein sehr zurückhaltender Mensch. Er wurde auch der „sanfte Heinrich“ genannt. Er kümmerte sich stets besonders intensiv um schwierige Kinder. Unter den Schülern hatte er auch den Spitznamen „Schleicher“, den er aufgrund seines Charakters, der gekennzeichnet war durch ein vorsichtiges Herantasten an Dinge, durch eine große Bereitschaft zur Verständigung, durch sein Bestreben, in jedem etwas Gutes zu entdecken, erhalten hatte.

Genau aufgrund dieser Eigenschaften war er in dieser Zeit der richtige Schulleiter, um die Odenwaldschule möglichst unbeschadet durch den Nationalsozialismus zu bringen. 1939 zog Dr.Werner Meyer, der die Schule bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit H.Sachs geleitet hatte, in den Krieg.

Die Ersatzschule zog durch den alten Ruf der Odenwaldschule viele Eltern an. Es meldeten sich aber auch Eltern, die für ihre Kinder einen sicheren Ort suchten, weil sie zum Beispiel selbst Juden oder Halbjuden, Gegner des Regimes, entschiedene Christen oder Anthroposophen waren. Oftmals verschwiegen die Eltern ihren Kindern die Tatsache, daß sie Juden oder Halbjuden waren, und viele Kinder erfuhren erst nach dem Krieg davon.

Schulleiter Sachs dagegen wußte über ihre Situation Bescheid und konnte so die Kinder schützen. Dazu ein Beispiel:
Ein Schüler, der Halbjude war, dies aber nicht wußte, hatte sich darum beworben, HJ-Führer zu werden. Bei einem HJ-Führer mußte jedoch ein Ahnenpaß vorgelegt werden, und so brachte Heinrich Sachs ihn in langen, komplizierten Gesprächen von diesem Vorhaben ab (ALPHEI 1995, 111, 112).

Letzten Endes rettete H.Sachs wohl einigen jüdischen Kindern das Leben und auch die anderen Schüler haben ihm zu verdanken, daß sie in dieser Zeit einigermaßen geschützt leben konnten (ALPHEI 1995, 111-114).
4.4 Der Übergang 1945/46 Die amerikanischen Truppen rückten am 27.03.1945 in Ober-Hambach ein. Zu dem Zeitpunkt befanden sich Sachs, 12 Mitarbeiterinnen und ca. 80 Schüler unter 15 Jahren in der Odenwaldschule. Im Laufe der letzten Monate war die Hauptaufgabe der Schule die Erhaltung der seelischen und körperlichen Gesundheit der Kinder gewesen.

Ab sofort war Unterricht von der Besatzungsmacht verboten und am 29.09.1945 wurde Sachs als Leiter abgesetzt, allerdings am 03.10.1945 gleich wieder eingesetzt, da zum 01.10.1945 der Unterricht wieder erlaubt war.

Sachs bemühte sich darum, Kontakt zu P.Geheeb zu bekommen, was ihm aber nicht gelang. Erst am 29.09.1946 erhielt er einen Brief von ihm. Während dieser Zeit war einiges geschehn. Geheeb hatte mit Minna Specht in England Kontakt aufgenommen und gefragt, ob sie Interesse daran habe, Schulleiterin der Odenwaldschule zu werden. Am 08.11.1945 wurde sie von der amerikanischen Militärverwaltung als Leiterin eingesetzt, wobei es noch bis April 1946 dauerte, ehe sie in der Odenwaldschule auftauchte.

In dem Brief Geheebs an Sachs stand sehr deutlich, daß Sachs für ihn, Geheeb, nicht mehr als Mitarbeiter oder gar Schulleiter der Odenwaldschule in Frage käme, was für Sachs nur sehr schwer zu verstehen war (ALPHEI 1995, 114-118).

Die Ernennung von Minna Specht war für die Entwicklung der Odenwaldschule sehr wichtig, da sie das Weiterbestehen der Odenwaldschule aus einem anderen Blickwinkel betrachten konnte als Sachs, der viel zu sehr im alten verhaftet gewesen war, und ein Ebenbild der alten Odenwaldschule hätte herstellen wollen (ALPHEI 1999 (1)). Minna Spechts Denken war „nicht auf die Wiederherstellung eines früheren Zustandes gerichtet sondern ging von der Utopie einer zukünftigen Gesellschaft aus“ (ALPHEI 1999 (1)).