WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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3. DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DES LANDERZIEHUNGSHEIMES „ODENWALDSCHULE“
3.1 Die deutschen Landerziehungsheime

Hermann Lietz, der „Vater“ der Landerziehungsheime, machte in seiner Jugend in Greifswald und Stralsund Schulerfahrungen, die ihn prägten, und die ihn später davon überzeugten, daß Gegenmodelle zur staatlichen Schule dringend erforderlich waren. In seinem Beruf als Lehrer arbeitete er sowohl an staatlichen als auch an privaten Schulen und betreute zwischendurch Berliner Arbeitetkinder. 1896 kam er schließlich an die englische Internatsschule Abbotsholme, welche 1889 von Cecil Reddie als Alternative zu den Public Schools gegründet worden war. Hier wurde besonderen Wert auf eine naturverbundene Lebensweise, körperliche Arbeit (hauptsächlich in der Landwirtschaft) und ein Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer gelegt, das nicht (wie in gewöhnlichen Schulen) von einer hierarchischen Distanz gekennzeichnet war. Lietz verarbeitete nach seinem Aufenthalt in diesem Internat seine Erlebnisse und Erkenntnisse in einer Streitschrift, welche zugleich ein Programm für eine „neue Schule“ war, wie sie den pädagogischen Vorstellungen Lietz entsprach.

1898, mit der Gründung des ersten Landerziehungsheimes, dem „Deutschen Landerziehungsheim in Ilsenburg, versuchte er dieses Programm nun umzusetzen (BECKER/ VOGEL/ WEIDAUER 1993,235).

Den Namen „Landerziehungsheim“ wählte er für seine neue Schule deshalb, weil sie auf dem Land war und auch sein sollte, also nicht in einer der schmutzigen, verrußten Städten. Der zweite Teil des Namens, Erziehung, sollte verdeutlichen, daß es nicht nur darum ging, Kindern etwas „einzupauken“, sondern daß man sich um das ganze Kind bemühen sollte. Ein Landerziehungsheim sollte nicht nur Lernwelt, sondern Lebenswelt sein, ein Ort an dem Kinder und Jugendliche sich „heimisch“ fühlen (HARDER 1995,130).

Seine Ziele beeindruckten auch viele andere Pädagogen. Innerhalb weniger Jahren kam es zu Gründungen weiterer Landerziehungsheime. Oft waren die Gründer dieser Landerziehungsheime ehemalige Mitarbeiter von Lietz, die sich aufgrund unterschiedlicher Meinungen bestimmte Punkte betreffend von ihm getrennt hatten. Doch bei allen Unterschieden gab es doch so viele Gemeinsamkeiten, daß sich die Bezeichnung „Landerziehungsheim“ als Gattungsbegriff durchsetzte. Die Landerziehungsheime gründeten 1924 in der Odenwaldschule die Arbeitsgemeinschaft „Vereinigung der Freien Schulen in Deutschland“, welche ein Vorläufer der 1947 gegründeten „Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime“ war.

Das Modell einer völlig neuen Schule diente allen Gründern der folgenden Jahrzehnte als Maßstab und in durchaus kritischer Auseinandersetzung als Anregung. Das Modell wurde von vielen Gründern anderer Landerziehungsheime entscheidend erweitert. So wurde zum Beispiel die patriarchische Struktur der Lietzschen Landerziehungsheime von Wyneken und Geheeb durch die Beteiligung der Schüler an allen Entscheidungen (Schulgemeinde) verändert.

Wie bereits erwähnt, waren sich die Gründer der verschiedenen Landerziehungsheime trotz aller Unterschiede in vielen Punkten, die pädagogischen Überzeugungen betreffend, einig (vgl.Kapitel 2.1):

(BECKER/ VOGEL/ WEIDAUER 1993, 236-238)

3.2 Paul Geheeb und die Gründung der Odenwaldschule Paul Geheeb (1870-1961) wuchs in Geisa (Rhön) auf. Er studierte Theologie, Philologie und Philosophie, hatte sich aber auch mit Physiologie und Psychiatrie befaßt. Nach dem Studium arbeitete er zunächst in einem Heim für psychopathische Kinder. Auch mit sozialen Fragen (Arbeiternot) beschäftigte er sich intensiv. 1902 folgte er der Aufforderung von Hermann Lietz, als Lehrer nach Haubinda zu kommen, wo Lietz sein zweites Landerziehungsheim gegründet hatte. Zuletzt war Geheeb Leiter in Haubinda, wobei er einen freieren Entwicklungsstil als Lietz entwickelte.

Aufgrund der dadurch mit Lietz entstandenen Meinungsverschiedenheiten und Spannungen verließ Geheeb zusammen mit Gustav Wyneken (einem anderen Mitarbeiter von H.Lietz) Haubinda und gründete 1906 gemeinsam mit ihm die „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“.

Doch auch zwischen ihnen kam es im Laufe der Zeit zu Unstimmigkeiten hinsichtlich ihrer pädagogischen Vorstellungen. Seine pädagogischen Vorstellungen wollte Geheeb durch Ruhe, Warten, Beobachten, Helfen verwirklichen, im Gegensatz zu Wyneken, der Methoden wie Eifer, Drängen, Führen und Formen vorzog. 1910 kam es dann zur Trennung, und Paul Geheeb gründete die Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO). Max Cassirer, Schwiegervater Geheebs, außerdem Stadtrat und Unternehmer aus Berlin, finanzierte den Bau der Odenwaldschule aus Liebe zu seiner Tochter Edith und erschien einmal jährlich in der Odenwaldschule, um Defizite abzudecken. In der Odenwaldschule konnte Geheeb nun endlich das realisieren, was er sich für Wickersdorf gewünscht hatte.

Wie schon in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf umgesetzt, so war ein wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzeptes Geheebs die Koedukation, welche im Konzept von H. Lietz nicht vorgesehen war. (vgl. Kapitel 3.1) Hierbei muß beachtet werden, daß man in der damaligen Zeit der Koedukation im allgemeinen nicht gerade aufgeschlossen, sogar ablehnend gegenüberstand. Die große Bedeutung der Koedukation für die Pädagogik betonte P. Geheeb in seinen Veröffentlichungen immer wieder.

Für diese Art der Erziehungsgemeinschaft (Koedukation) hatte er einige Argumente. Die Koedukation entsprach für ihn dem natürlichen Zusammenleben einer Familie. Er war der Meinung, daß Koedukation zur Bildung der sittlichen Persönlichkeit, auch in ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht, ausgesprochen wichtig ist (ALPHEI 1995,101-102; SCHEIBE 1976,125).

Geheeb: „Das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander, ihr Verkehr miteinander ist ein praktisches Problem, das offenbar nicht erst zwischen erwachsenen Menschen auftritt; nein, bereits in früher Kindheit ist es vorhanden und nimmt in jedem neuen Stadium der Kindheit und Jugend eine veränderte Gestalt und größere Kompliziertheit an. Der Gehalt nun an Natürlichkeit und ethischen Werten, den mein persönliches Verhältnis zum anderen Geschlecht im Laufe meiner Kindheit und Jugend ansammelt, ist entscheidend für die Lösung meiner persönlichen Sittlichkeitsfrage, für meine Stellung zu Liebe und Ehe.“ (SCHEIBE 1976,125)

Geheeb sah die Koedukation allerdings nicht nur als eine gemeinsame Erziehung der Geschlechter, sondern betrachtete sie auch als eine Koedukation der Rassen, der Nationen, der Religionen, der sozialen Schichten, der Begabungen, wobei dieser Aspekt der Koedukation vor allem in seiner 1934 gegründeten Ecole d`Humanite voll zum Tragen kam (BECKER/ VOGEL/ WEIDAUER 1993,237).

Die Schwerpunkte von Geheebs pädagogischem Konzept waren neben der bereits genannten Koedukation das offene Kurssystem und die ebenfalls kurz erwähnte Schulgemeinde. In der Odenwaldschule gab es keine altersgleichen Klassen und keine erzwungene Teilnahme an Unterrichtsstunden, die Schüler nicht interessierten. Geheeb hatte mit zwei Mitarbeitern ein radikales Kurssystem ausgearbeitet (ALPHEI 1999 (2)). „Jeder Schüler wählte sich in drei Kurse ein, die er dann über einen Zeitraum von vier Wochen täglich besuchte. Der Vormittag war gegliedert in den Frühkurs (vor dem Frühstück), den Mittelkurs und den Spätkurs, die Reihenfolge der Kurse wechselte täglich. Die Kurse wurden von Mitarbeitern ausgeschrieben und geleitet. Man konnte die Kurse zwar im allgemeinen herkömmlichen Schulfächern wie Mathematik oder Englisch zuordnen, im Mittelpunkt standen aber eher allgemeine Fragestellungen, die sich an den für das Fach konstitutiven Themen orientierten. Die meisten Kurse waren für alle offen, so daß Kleine und Große, Erfahrene und Neulinge in den gleichen Kursen saßen und jeder wußte, daß er nach Kräften zum Gelingen des Kurses beizutragen hatte (ALPHEI 1999 (2)). Später wurde die Kurswahl etwas mehr gesteuert, da es wichtig erschien, daß in den einzelnen Fachbereichen wenigstens Grundkenntnisse erworben werden. In der jeweiligen Kursepoche hatten die Schüler wenige Fächer, diese aber in einer hohen Stundenzahl.

Nach 1945 praktizierte die Odenwaldschule aus verschiedenen Gründen diese Art der Kursorganisation nicht mehr, übernahm aber Elemente des Kurssystems in die Jahrgangsklassenstruktur. Auch das Epochenprinzip wurde in abgewandelter Form übernommen. Die Fächer wurden nur für ein Quartal oder Halbjahr unterrichtet, dafür waren sie mit vielen Stunden ausgestattet.

Die Bedeutung der Schulgemeinde wird in Kapitel 5.3 erklärt.