WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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2. DAS PÄDAGOGISCHE KONZEPT DER ODENWALDSCHULE
2.1 Erziehungsanspruch
Die Odenwaldschule hat den Anspruch, ein Ort zu sein, an dem sich die Kinder und Jugendlichen daheim fühlen, der ihnen also ein zweites Zuhause ist. Die Odenwaldschule will ihren Schülern nicht nur Lern-, sondern auch Lebensumwelt sein, die sich positiv auf ihre Entwicklung auswirkt.

Das Motto Paul Geheebs „Werde, der du bist“, ein Zitat des griechischen Philosophen Pindar, sagt ebenfalls einiges über die Erziehungsziele der Odenwaldschule aus. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich zu dem einmaligen Menschen, der bereits in ihnen schlummert, entwickeln. Die Verwirklichung dieses Grundsatzes erfordert auf der einen Seite das Zugeständnis von viel Offenheit und Freiheit an die Schüler, auf der anderen Seite ein starkes Maß an Orientierung und Regeln, um sie nicht zu „egoistischen“ Individualisten zu machen (ODENWALDSCHULE 1999 (1)).

Jeder Einzelne soll also seine Individualität entwickeln, aber gleichzeitig erkennen, daß man als Individuum sowohl von der Gemeinschaft abhängig ist als auch eine Verantwortung ihr gegenüber hat (MANN, 1999).


Zusammengefaßt möchte die Odenwaldschule folgende Möglichkeiten und Erziehungsziele bieten:


Um dies zu erreichen, ist die pädagogische Grundhaltung geprägt durch Vertrauen in die Schüler, Achtung vor dem Schüler, Ruhe, Zeit-Haben, taktvolle Hilfe, Beobachten (aufmerksam, aber nicht neugierig).
Wichtige Tugenden, die die Odenwaldschule ihren Schülern auf ihrem Weg vermitteln möchte sind Freimut, Empfindsamkeit und Gemeinsinn.
Etwas deutlicher formuliert bedeutet dies: Die Schüler sollen „frei und mutig sein, unverstellt, aber nicht respektlos, ohne falsche Scheu vor Autoritäten, des eigenen Wertes bewusst, eingeübt im aufrechten Gang“.
Sie sollen weiter „nicht ... stumpf und stumm, nicht cool sein, sondern empfindsam für Situationen und Geschicke der Menschen um sie herum ebenso wie der Menschen, die fern von ihnen sind; dass sie gelernt haben, von sich selbst abzusehen, die Augen offen zu halten; dass sie empfindliche Ohren haben und wache und geschulte Sinne für die eigene Kultur wie für fremde Kulturen wie für unsere natürliche Umwelt und deren begrenzte Ressourcen“.
Außerdem sollen sie „schließlich nicht nur freimütig für sich selbst einstehen, nicht nur empfindsam registrieren, was anderen geschieht, sondern sie sollen daraus auch praktische Konsequenzen ziehen können, etwas tun, sich einsetzen für Belange anderer, sich für Gemeinsames gemeinschaftlich verantwortlich zeigen“ (ODENWALDSCHULE 1999 (2), 7). 2.2 Das Ganzheitsprinzip (Kopf, Herz, Hand) Die Pädagogik der Odenwaldschule beruht zu einem Großteil auf dem Ganzheitsprinzip, d.h. es sollen „ganze“ Menschen erzogen und ausgebildet werden und nicht nur Teilwesen, die nahezu ausschließlich Kopfarbeit leisten. Die Schüler sollen, um es mit den Worten Pestalozzis auszudrücken, mit Kopf, Herz und Hand lernen. Dies hatte seine Gültigkeit zur Zeit der Gründung der Odenwaldschule und so ist es auch noch heute. Die Schüler sollen, um ganze Menschen zu werden, in einer engen Verbindung von Leben, Lernen und Arbeiten aufwachsen. Ernsthafte praktische Arbeit in der Schreinerei, der Schlosserei, der Webstube und der Druckerei war eine Voraussetzung für das „Entstehen“ ganzheitlicher Menschen (HARDER 1996,131).
Im folgenden Kapitel soll nun auf eben diese Werkstätten genauer eingegangen werden, um zu verdeutlichen, warum in der Odenwaldschule das Arbeiten in den Werkstätten schon immer eine große Rolle spielte.
Durch ein vielfältiges Angebot an theoretischen, praktischen und sozialen Lernsituationen und durch individuelle Fördermaßnahmen ist die Odenwaldschule bestrebt, bereits entstandenen Defizite auszugleichen und alle Anlagen der Schüler, also den ganzen Schüler entwickeln zu lassen (ODENWALDSCHULE 1999 (1)).
2.3 Der Werkstattunterricht Wie bereits in Kapitel 2.2 erläutert, ist eine wichtige Grundlage der Pädagogik der Odenwaldschule das Ganzheitsprinzip. Wie auch an allen anderen Landerziehungsheimen, wurde und wird demnach mehr Wert auf praktische Arbeit gelegt als in „gewöhnlichen“ Schulen. Die praktische Arbeit hatte bereits bei der Gründung der Odenwaldschule im Jahre 1910 einen großen Stellenwert, da sie sich, wie andere Landerziehungsheime auch, von der typischen Lernschule abheben wollte, für die nur Wissen und Kenntnisse zählten, und aus denen keine „ganzen“ Menschen hervorgingen (ODENWALDSCHULE 1999 (2), 19).

Bei der Gründung der Odenwaldschule 1910 und in den Jahren danach, hatte die praktische Arbeit der Schüler allerdings nicht nur pädagogische, sondern auch existenzielle Gründe. So wurde beispielsweise im Garten Gemüse und Kartoffeln angebaut, es wurden Tiere gehalten (Hühner, Gänse, Schweine, ein Pferd). Auch in der Wäscherei, der Küche, der Druckerei usw. arbeiteten die Schüler und leisteten so einen Beitrag zur Existenzsicherung (HARDER 1996,130-131).

In der Zeit nach 1945 gewann die praktische Arbeit nochmals an Bedeutung, nämlich in Bezug auf die Berufsvorbereitung. Minna Specht (Schulleiterin der Odenwaldschule von 1945-1951), eine international anerkannten Pädagogin, wollte die Odenwaldschule für Kinder sämtlicher Bevölkerungsschichten öffnen, d.h. es sollten nicht mehr nur, wie es bis zu dieser Zeit war, eher „Kinder aus reformfreudigen, bürgerlichen und gutsituierten Familien“ (ALPHEI 1999 (2)) die Odenwaldschule besuchen (HARDER 1996, 132). Ihrer Meinung nach bedurfte es deshalb in der Schule auch der Möglichkeit einer Lehrlingsausbildung. Obwohl sie diesen Plan aufgrund von Geldmangel nicht durchführen konnte, blieb dieser Grundgedanke, nämlich die Berufsvorbereitung in das Curriculum der Odenwaldschule aufzunehmen, doch erhalten, und wurde später in die Tat umgesetzt (HARDER 1996, 132).
Auf die Berufsvorbereitung bzw. Berufsausbildung als Bestandteil des Curriculums der Odenwaldschule, wird noch ausführlicher in Kapitel 5 eingegangen.