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Haun, Meike (2011): Zur Frage von Nähe und Distanz in der Pädagogik: Die Entwicklung eines neuen Lehrer-Schüler-Bezugs am Beispiel Odenwaldschule, wiss. Hausarbeit, PH-Heidelberg, (Referent: Herr Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. von Carlsburg; Korreferent: Herr Dr. phil. Wehr)
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Einleitung

"Die neueren (sexuellen) Gewaltskandale der katholischen Kirche, der reformpädagogischen Odenwaldschule sowie zahlreicher Sportvereine sind begleitet von einer Forderung, dass Pädagoginnen/Pädagogen und Betreuerinnen/Betreuer besser in die Lage versetzt werden sollen, eine "richtige Nähe" oder "richtige Distanz" zu den Kindern einzunehmen, um grenzverletzende Umgangsformen hinreichend verhindern zu können. Mit dieser Rede wird aber eine Begriffsfigur in Gebrauch genommen, ohne dass ausreichend geklärt ist, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll." (Dörr, 2010³)

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, inwieweit es, mit Hinblick auf die jüngst bekanntgewordenen Missbrauchsskandale, nicht nur an der Odenwaldschule, sondern auch in anderen Einrichtungen der Jugendhilfe, in Internaten, Landschulheimen und kirchlichen Einrichtungen, nötig ist, das Verhältnis zwischen SchülerInnen und LehrerInnen neu zu definieren und zu diskutieren. Dabei soll ebenso das NäheDistanzProblem einbezogen werden, so wie neueste Erkenntnisse aus der Forschung zur sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Institutionen und familienähnlichen Lebensweisen.

Auf Grund der Aktualität des Themas steht bei den folgenden Überlegungen die Odenwaldschule im Fokus. Deshalb wird zu Beginn dieser Arbeit kurz auf Paul Geheeb, den Gründer der Odenwaldschule und bekannten Reformpädagogen, eingegangen. Au§erdem wird zu Beginn die Frage geklärt, was denn eigentlich Reformpädagogik ist, da vor dem Hintergrund dieser, das Kind selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung rückenden Pädagogik, Paul Geheeb sein Schulkonzept entwickelte. Daraufhin steht die Gründung und wechselhafte Geschichte sowie das Konzept der Odenwaldschule im Vordergrund.

Nach diesem Einblick in das pädagogische Konzept und das Leben in der Odenwaldschule, die von ihren SchülerInnen und MitarbeiterInnen gerne einfach OSO genannt wird, gehe ich näher auf das NäheDistanzProblem ein. Dabei soll geklärt werden, wie Nähe und Distanz in verschiedenen Situationen erfahren werden und welche Schwierigkeiten es bereitet, eine genaue Begriffsdefinition zu formulieren. Im weiteren Verlauf werden die Auswirkungen sexueller Gewalt und das Inzesttabu beleuchtet. Dabei stellt sich die Frage, wie potentielle TäterInnen vorgehen, ob es das Täterprofil gibt und wie Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt in Institutionen geschützt werden können. Au§erdem wird im Hinblick auf die jüngst bekanntgewordenen Missbrauchsfälle und deren schleppender Aufklärung darüber referiert, wie bei dem Bekanntwerden eines sexuellen Missbrauchs in einer Institution effektiv damit umgegangen werden kann. In den Kapiteln zu Präventions und Interventionsprogrammen werden Möglichkeiten erläutert, die sich bereits in der Praxis bewährt haben.

Als Beispiel für das NäheDistanzProblem zwischen Lehrern und Schülern dient speziell das Leben in Familien, wie es in der Odenwaldschule geführt wird, da sich dieses durch ein besonders intensives Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern auszeichnet, in den aktuellen Diskussionen auch für Kritik sorgte und unter anderem auch für den sexuellen Missbrauch in den 1970er und 80er Jahren an der Odenwaldschule verantwortlich gemacht wurde. Um zu erklären, wie es zu dem mehr als hundertfachen Missbrauch in dieser Zeit kommen konnte, gehe ich kurz auf die Liberalisierung der Sexualmoral während der 68er Bewegung ein. Au§erdem soll das Leben in den OSOFamilien im Hinblick auf das Inzesttabu untersucht werden, um damit die Frage zu klären, ob das Inzesttabu auch in dieser Lebensweise Anwendung finden kann. Danach steht das System, welches Gerold Becker, der langjährige Leiter der Odenwaldschule und Haupttäter in dem bestehenden System der Odenwaldschule, geschaffen hat, im Fokus der Betrachtungen. Dies geschieht vor dem Hintergrund der bisher bekannten Strategien der TäterInnen, welche in einem gesonderten Kapitel dargelegt werden und 5 zwar mit Hilfe der Dokumentation "Geschlossene Gesellschaft Der Missbrauch an der Odenwaldschule" von 2011.

In den letzten Kapiteln werden die Schwierigkeiten der Gratwanderung der Lehrer zwischen dem familienähnlichen Leben und ihrer Lehrerpersönlichkeit aufgezeigt und die Gefahr des Strauchelns sowie das Fehlverhalten in den 70er und 80er Jahren, trotz des positiven Ansatzes. Aus diesem Grund soll auch die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die Odenwaldschule betrachtet werden, ebenso die Veränderungen, welche seitdem an der Odenwaldschule für ein sichereres Zusammenleben zwischen LehrerInnen und SchülerInnen durchgeführt wurden. In diesem Zusammenhang sollen die getroffenen Veränderungen mit Blick auf die Möglichkeiten zur Prävention und Intervention betrachtet werden, welche zusätzlich in einem gesonderten Kapitel dargelegt werden, um eventuell zusätzliche Anregungen zur zukünftigen Vermeidung sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule zu ermöglichen.



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