WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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5. Fazit

Die Kinder sind unser Kapital für eine aussichtsreiche Zukunft, weshalb eine fundierte Ausbildung unserer jüngsten Gesellschaftsmitglieder das Anliegen aller sein sollte. Es ist die "Aufgabe der gesamten Gesellschaft, mit ihrem Zukunftspotential verantwortungsvoll umzugehen" (DIHK 2006, S.1). Doch nur zu reden und die 'Bildungsmisere' zu proklamieren reicht nicht aus - es müssen Taten folgen und Veränderungen in der Praxis stattfinden. Es offenbart sich gegenwärtig, dass deutliche Veränderungen der schulpolitischen Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Defizite unseres Erziehungs- und Bildungssystems aufzufangen und eine neue Schulqualität zu entwickeln. Die Industrie- und Handelskammer fordert "eine neue Kultur der individuellen Verantwortlichkeit und ein Verantwortungsbewusstsein bei jedem einzelnen Lehrer für jeden einzelnen ihrer Schüler. Wir brauchen neue Unterrichtsformen und -methoden, und wir brauchen Instrumente für die individuelle Unterstützung von Schülern und Lehrern" (DIHK 2006, S. 3). Die Montessori-Pädagogik birgt Potentiale in sich, die die aktuellen Diskussionen auf bildungspolitischer Ebene in positiver Weise bereichern und die nötigen Veränderungen in der deutschen Bildungslandschaft initiieren können. Denn die grundlegenden Ideen Montessoris können auch in der heutigen Gesellschaft für Lehrer und Schüler als Orientierung und Anregung dienen, müssen jedoch in die Sprache unserer Zeit und in das heutige Gesellschaftssystem übersetzt werden.

Die Aussage eines Schülers Montessoris, "Hilf mir, es allein zu tun", veranschaulicht den Kernpunkt ihrer Pädagogik (Montessori 2008, S. 201). Die Anregung zur Selbsttätigkeit des Kindes wird durch alle Aspekte ihrer Pädagogik unterstützt und ist heute aktueller denn je. In einem demokratisch ausgerichteten Gesellschaftssystem werden von den Kindern heutzutage Schlüsselkompetenzen, wie Selbsttätigkeit, Verantwortungsbereitschaft und die Fähigkeit zu reflektiertem Handeln gefordert. Die gegenwärtige Schule scheint diese nicht mehr ausreichend auszubilden. So hat auch PISA gezeigt, dass große Mängel im Allgemeinwissen unserer Kinder bestehen und das fast absolute Fehlen wichtiger Schlüsselkompetenzen bei vielen der Kinder zu beanstanden ist. Die Montessori-Pädagogik setzt genau an diesem Punkt an, denn die Ausbildung dieser Kompetenzen steht hier im Mittelpunkt, weshalb ihre Pädagogik auch heute als bedeutsam betrachtet werden kann und eine Orientierung an dieser sicherlich ein solides Fundament für das Überwinden eines Missstandes in der Bildung unserer Kinder darstellen kann.

Es hat sich gezeigt, dass die aktuell diskutierten Reformvorschläge in weiten Teilen mit den Forderungen Montessoris übereinstimmen und diese somit als Bereicherung in den gegenwärtigen Debatten über Frühförderung, neue Modelle der Schuleingangsphase oder zur Steigerung der Bildungsqualität dienen könnten. Die Montessori-Pädagogik kann selbstverständlich keine fertigen Lösungsansätze bieten und nicht einfach Eins zu Eins auf das heutige Schulsystem übertragen werden, aber trotz allem kann sie ihren Beitrag zu dessen Weiterentwicklung leisten. Einige Aspekte ihrer Pädagogik sind durchaus von überkommenen Vorstellungen geprägt, wie in Kapitel 4.4.3 erörtert wurde. Doch durch die Verknüpfung ihrer pädagogischen Ansätze mit medizinisch-neurologischen und lernpsychologischen Ansätzen schaffte sie es, ein fast zeitloses Fundament für ihre Pädagogik zu erbauen.

Ihre Sicht vom Kind, seinen Besonderheiten und seinem Bedürfnis nach freier Entfaltung steht dem Kindheitsbild von heute sehr nah und ebenso kann auch das Konzept ihres Kinderhauses in der geforderten Kooperation von Kindergarten und Grundschule als Vorbild für einen kontinuierlichen Bildungsweg dienen kann. Der Terminus der 'Schulfähigkeit' kann demnach nicht mehr in tradiertem Sinne verstanden werden, sondern es geht um die Ausbildung grundlegender 'Vorläuferfähigkeiten', die elementar- und primarpädagogische Einrichtungen gemeinsam ausbilden müssen. Bildungskontinuität soll in diesem Kontext nicht nur durch die außerschulischen Neustrukturierungen, sondern vor allem auch durch innerschulische Modifikationen, wie der Einführung des Prinzips des jahrgangsgemischten Unterrichts, stattfinden. Dieser Ansatz war für Montessori die einzig richtige Form des Unterrichtens, in welcher eine differenzierte Förderung der Kinder möglich war und die Ausbildung sozialer Kompetenzen stattfinden konnte. Gerade in der heutigen defizitären Erfahrungs- und Lebenswelt der Kinder, in der aufgrund verstärkter Individualisierung kaum noch soziales Lernen möglich ist, muss die gegenwärtige Schule diesen Kompetenzerwerb arrangieren. Das Modell des Kinderhauses, in dem alltägliches Zusammenleben und -lernen ermöglicht wurde, kann hier wiederum mit gutem Beispiel vorangehen.

Montessori wollte durch ihre Erziehung das Kind zur Selbsttätigkeit und Unabhängigkeit erziehen und neben dem Wandel im erzieherischen und pädagogischen Denken, auch einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen. Das Kind sollte "mit seinen unendlichen Möglichkeiten [É] die Menschheit umgestalten, so wie es sie auch schafft. Vom Kinde kommt uns große Hoffnung und eine neue Erleuchtung: Durch die Erziehung kann vielleicht viel getan werden, um die Menschheit zu einem größeren Verständnis, zu einem größeren Wohlstand und einer tieferen Geistigkeit zu führen" (Montessori 1972, S. 61). Ihr Blick war stets in die Zukunft gerichtet und sie verfolgte mit ihrer Pädagogik höhere Ziele als die Selbstentfaltung des Einzelnen. Durch die Erziehung der Kinder wollte sie eine grundlegende Reform der Gesamtgesellschaft erreichen und somit soziale Missstände beheben.

Auch heute ist die Bildung und Erziehung an gesellschaftlichen Anforderungen und Maßstäben orientiert. Wie kann man die Kinder möglichst effizient fördern, um ein erfolgreiches Bestehen in unserer Gesellschaft zu garantieren? Und wie können die Schüler das wirtschaftliche Fortbestehen unserer Gesellschaft sichern und somit im Wettbewerb mit anderen Ländern bestehen? Sicherlich sind dies gegenwärtige Ziele, die Bildungseinrichtungen verfolgen sollten, jedoch darf das Individuum nicht nur auf seine Zweckmäßigkeit als zukünftiges Gesellschaftsmitglied reduziert werden. Es sollte die Frage gestellt werden, inwiefern unsere gegenwärtige Gesellschaft noch einen solchen Vorbildcharakter hat, als dass man die Bildung der Kinder an ihr messen sollte?! Denn sollte der Erziehungs- und Bildungsprozess nicht an höheren Idealen orientiert sein, die letztendlich zu einer Verbesserung der sozial-gesellschaftlichen Verhältnisse führen können und nicht nur zu einer Festigung der aktuellen? Der Erhalt des Status quo kann und darf nicht primäres Ziel der Bildungspolitik sein, denn Stagnation ist gerade im Bildungsbereich immer ein Rückschritt. Montessori kann hierfür heute noch als gutes Beispiel vorangehen, denn sie hat gezeigt, dass zwar immer Mut dazu gehört, einen neuen Weg einzuschlagen und ein Umdenken anzuregen, aber 'wer nicht wagt, der nicht gewinnt'. Und dieses Sprichwort sollte sich jeder in der aktuellen bildungspolitischen Diskussion zu Herzen nehmen. Es genügt also nicht, sich an traditionellen pädagogischen Ansätzen zu orientieren und diese einfach ins gegenwärtige System zu übertragen. Es muss ein grundlegendes Umdenken stattfinden und ein neuer Wind aufkommen, um unser 'Boot der Bildung' in eine andere, vielleicht ungewisse Zukunft aufbrechen zu lassen. Erklärtes Ziel muss es sein, eine Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe an Bildung für alle Kinder zu schaffen, so dass die sozialen Missverhältnisse in unserer Gesellschaft nicht noch weiter verschärft werden.

Hinter Montessoris so hochtrabend klingender Zukunftsutopie einer 'Nation des Friedens', verbirgt sich der Anspruch, im Kleinen anfangen zu müssen, um Großes bewirken zu können. Und an diesen montessorianischen Grundeinstellungen können wir uns auch gegenwärtig ein Beispiel nehmen. Die Kinder sind unsere Zukunft und in ihre Erziehung und Bildung müssen wir investieren, um eine Weiterentwicklung und Veränderung unserer Gesellschaft und letztendlich der Welt herbeizuführen. Wenn nicht die nachwachsenden Generationen, wer sonst sollte die Zukunft in positiver Weise beeinflussen?! Wir können es uns nicht leisten, Lernpotentiale ungenutzt zu lassen und - um mit dem Unwort des Jahres 2004 etwas polemisch zu sprechen - 'Humankapital' zu verschenken.

Selbsttätige Erziehung nach Maria Montessori

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Maria Montessori
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Von der Medizin zur Pädagogik
2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen
3.1 Anthropologische Grundgedanken von Maria Montessori
3.1.1 Das Erziehungsziel von Maria Montessori und ihr Bild vom Kind
3.1.2 Der geistige Embryo und der absorbierende Geist
3.1.3 Die sensiblen Perioden und die Entwicklungsstufen des Kindes
3.1.4 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die pädagogische Umsetzung: Das Kinderhaus
3.2.1 Die vorbereitete Umgebung
3.2.2 Die Leiterin
3.2.3 Die Lerngruppe
3.2.4 Die Begriffe der Freiheit und Disziplin
3.2.5 Das Material und seine Darbietung
3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute
3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

4. Ausgewählte Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion unter Bezugnahme auf die Pädagogik Maria Montessoris

4.1 Die Notwendigkeit einer gezielten (Früh-)Förderung unserer Kinder unter neurologischer und gesellschaftlicher Perspektive
4.1.1 Gegenwärtige Entwicklungstheorien und ihre neurologischen Grundlagen
4.1.2 Welche Bedeutung hat die Frühförderung für unsere Kinder?
4.1.3 Lernen mit allen Sinnen
4.1.4 Selbsttätiges, selbstgesteuertes und selbstentdeckendes Lernen

4.2 Die Schuleingangsphase
4.2.1 Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule
4.2.2 Aktuelle Modelle der Schuleingangsphase
4.2.3 Das Konzept des jahrgangsgemischten Lernens

4.3 Wege in ein verändertes Schulsystem
4.3.1 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit
4.3.2 Die Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule unter Bezugnahme auf die PISA-Studie
4.3.3 Wie aktuell ist die Montessori-Pädagogik heute noch?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis