WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen


3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pŠdagogischen Konzepts in der Grundschule



3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute

3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland

In Deutschland gibt es insgesamt ca. 1000 Montessori-Einrichtungen, welche die frühpädagogischen Montessori-Einrichtungen, die Montessori-Kitas (Kinderhäuser) sowie die Montessori-Schulen der Primar- und Sekundarstufe umfassen. Sie können in staatlicher, konfessioneller oder freier Trägerschaft (meistens Elterninitiativen) organisiert sein. In den meisten Bundesländern haben sich mittlerweile eigene Montessori-Landesverbände gegründet, die als Interessenvertretung fungieren und als Anlaufstellen dienen. Im Jahr 2004 wurde der Montessori-Dachverband Deutschland e.V. (MDD) gegründet, um die Interessen auch auf Bundesebene zusammenzuführen, bildungspolitische Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, allgemeine Ausbildungsstandards und die Qualitätsentwicklung von Montessori-Einrichtungen zu garantieren.

Aufgrund der Vielzahl der inzwischen in Deutschland angebotenen Formen und Inhalte der Montessori Kurse wurden quantitative Standards festgelegt, die sowohl die Ausbildung als auch die Organisation der Einrichtungen bis ins Detail darstellen. Eine pädagogische Einrichtung darf sich nur dann mit dem Namen "Montessori" schmücken, wenn sie die festgelegten Kriterien, die überprüfbar sein müssen, erfüllt.

Zur Qualitätsbestimmung einer pädagogischen Einrichtung gehören demnach drei Aspekte: die Struktur, der Prozess und die Wirkung der praktischen Montessori Arbeit.

Die Struktur umfasst vor allem die vorbereitete Umgebung und deren spezifische materielle, ausstattungsmäßige und organisatorische Voraussetzungen. Der Prozess beschreibt das Vermitteln von Inhalten und den Umgang zwischen Pädagogen und Kindern, die Wirkung das Ergebnis des pädagogischen Prozesses, welches Konformität mit der Theorie von Maria Montessori aufweisen muss.

Die Arbeit basiert immer auf der Anthropologie und dem pädagogischen Konzept von Maria Montessori und im Mittelpunkt der Arbeit dieser Einrichtungen steht die kontinuierliche, individuelle und soziale Entwicklung des Kindes (vgl. Montessori Dachverband Deutschland e.V. 2005).

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3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

Um die Tätigkeit in einer Montessori-Einrichtung aufnehmen zu dürfen, müssen die Erzieher und Lehrer einen zweijährigen Montessori-Ausbildungskurs belegen und ein Montessori-Diplom für die Elementar- und Primarstufe erwerben; zusätzlich werden auch Montessori-Zertifikatskurse für die Sekundarstufe angeboten. In der Regel findet die Ausbildung berufsbegleitend statt. Die Montessori-Kurse unterliegen festgelegten Standards, die von den drei bundesweit tätigen Montessori-Ausbildungsorganisationen37 in einer Standard-Kommission aufgestellt, überwacht und fortgeschrieben werden.

Die Kurse erfolgen meist durch unabhängige Träger an zahlreichen Orten38 in ganz Deutschland, die abschießenden Prüfungen werden jedoch von den drei Montessori-Organisationen abgenommen. Die zuständige Montessori-Organisation stellt zudem den Lehrgangsleiter und das Dozententeam und ist für die Lehrgangsinhalte verantwortlich.

Die Teilnehmer der Montessori-Lehrgänge werden in die Theorie39 und Praxis40 der Montessori-Pädagogik eingeführt, um nach erfolgreichem Bestehen das Montessori-Diplom zu erhalten. Dieses Diplom ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer staatlich anerkannten Lehrerausbildung, sondern stellt nur eine berufsbegleitende Zusatzausbildung dar. Ein Montessori-Lehrgang ist in berufsbegleitender Form für zwei Jahre (vier Semester) konzipiert, die Unterrichtseinheiten finden in der Regel an Wochenenden statt. Die Dozenten, die die Lehrgänge durchführen, besitzen selbst das Montessori-Diplom und verfügen über eine langjährige Erfahrung in der Montessori-Praxis.

Die Abschlussprüfung besteht aus zwei vierstündigen schriftlichen Prüfungen in Theorie und Praxis sowie einer einstündigen mündlichen Prüfung. Die Montessori-Diplom-Lehrgänge sind urheber- und markenrechtlich geschützt und dürfen nur auf Basis der Standards der drei oben genannten Organisationen durchgeführt werden.

Zu Lebzeiten Montessoris war nur Maria Montessori selbst berechtigt die Montessori-Lehrerinnen auszubilden und duldete es nicht, dass andere, bereits ausgebildete Lehrer weitere Interessenten in Eigenregie schulten. Das Diplom berechtigte nur dazu Montessori-Schulen zu leiten, nicht aber Lehrer in der Methode auszubilden (vgl. Kramer 1995, S. 329). Denn Montessori hatte ihre Methode und ihr Material bis ins kleinste Detail perfektioniert und sie wollte sicher gehen, dass in den Montessori-Einrichtungen auch tatsächlich alles in ihrem Sinne ablief. Dies konnte nur gewährleistet werden, indem sie die einzige Vermittlerin ihrer Methode blieb und somit weitestgehend die Kontrolle über die Verbreitung ihrer Ideen behielt.

Heutzutage ist diese Form der Verbreitung natürlich nicht mehr möglich, aber das Festhalten an den pädagogischen Grundsätzen Montessoris ist nach wie vor von großer Bedeutung für ihre Anhänger. Es reicht für den Montessori Dachverband nicht aus, nur einzelne montessorianische Aspekte zu übernehmen, um eine anerkannte Montessori-Einrichtung zu werden, sondern es wird eine strikte Ausrichtung nach den festgelegten Standards verlangt.

In der praktischen Umsetzung kann die Montessori-Grundschule je nach Landesverfassung vier- oder sechsjährig sein. Ist die Schule in städtischer Trägerschaft müssen die Eltern keine Schulgebühren zahlen; ist sie in privater Trägerschaft sind die Eltern verpflichtet ein Schulgeld zu zahlen. Die Richtlinien und Lehrpläne sind auch für die Montessori-Schulen verbindlich, jedoch ist der Weg, um diese Ziele zu erreichen, ein anderer. Eingeschult werden kann grundsätzlich jedes Kind, insofern ausreichend Kapazitäten in der Schule vorhanden sind und die Eltern über die besondere pädagogische Ausrichtung informiert wurden. Beim †bergang in die weiterführenden Schulen sind von den äußeren Rahmenbedingungen her keine Schwierigkeiten zu erwarten, da die Kinder auch in der Montessori-Schule nach dem verbindlichen Lehrplan lernen und somit problemlos an eine Regelschule wechseln können. Es kann allenfalls von Seiten der Schüler zu einzelnen †bergangsschwierigkeiten kommen, da sich die Kinder meist auf ein völlig neues pädagogisches Konzept und ein anderes Unterrichten und Arbeiten einstellen müssen.

Der Unterricht selbst findet in der heutigen Montessori-Schule in jahrgangsübergreifenden Gruppen statt, in denen mindesten zwei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Die Integration behinderter Kinder ist möglich und wird auch erwünscht, denn durch die Verschiedenheit der Schüler in Bezug auf ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre Charaktere und anderen Besonderheiten41, wird das soziale Lernen gefördert und durch die Heterogenität der Gruppen eine Vielzahl an Lernanreizen geboten. Fördern und Fordern sind dabei wichtige Grundprinzipien der Montessori-Pädagogik. Die Schüler sollen sich untereinander helfen, ohne in die Situation eines Wettbewerbs oder Konkurrenzdrucks zu geraten, so dass die individuelle Leistungsfähigkeit optimal gefördert werden kann.

In den Montessori-Schulen werden verstärkt Unterrichtsformen wie die Freiarbeit, Gruppenarbeit, Projektarbeit oder gebundener Unterricht angewandt. Vor allem die Freiarbeit, in der die Schüler mit den Montessori-Materialien selbstständig arbeiten können, ist leitendes Prinzip für die Lernprozesse der Schüler. Dafür muss die entsprechende, vom Lehrer vorbereitete Umgebung für die Kinder hergerichtet werden. Die Kinder haben freien Zugriff auf alle Materialien und können frei entscheiden, mit welchem Material sie wann und wo arbeiten möchten. Die Lehrperson hilft den Schülern sich zurechtzufinden und führt sie in den richtigen Gebrauch der Montessori-Materialien ein. Zudem finden aber auch gebunden Unterrichtseinheiten statt, in denen die Lehrperson mit den Schülern meist fachgebundene Themen erarbeitet.

Da das kindliche Lernen an Bewegung und Handlung geknüpft ist, brauchen die Kinder in einer Montessori-Schule stets Bewegungsfreiheit, um geistig tätig werden zu können. Sinneserfahrung und Bewegung sind unverzichtbar für das montessorianische Lernen. Die Wechselwirkung von Disziplin und Freiheit bildet den Rahmen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens in einer Montessori-Einrichtung. Bis zum Ende des vierten Schuljahres gibt es meist keine Bewertung in Form von Ziffernnoten, sondern lediglich verbale Beurteilungen. Erst im †bergangszeugnis für die weiterführenden Schulen werden in der Regel Ziffernnoten erteilt.

Alle Umsetzungen in einer Montessori-Einrichtung basieren auf den anthropologisch-pädagogischen Grundideen von Maria Montessori und vorrangiges Erziehungsziel sind die Bildung der Gesamtpersönlichkeit des Kindes und die Erziehung zu Selbstständigkeit und Selbstverantwortung (vgl. Montessori Dachverband Deutschland e.V. 2005).





Fußnoten:
37 Deutsche Montessori Gesellschaft e.V. (DMG), Montessori-Vereinigung e.V. - Sitz Aachen und Heilpädagogische Vereinigung e.V. (HPV)
38 In Volkshochschulen, konfessionelle Bildungswerken, Initiativen, Arbeitskreisen und Verbänden
39 Lehrgangsinhalte: Theorie der Montessori-Pädagogik; Sinneserziehung; †bungen des täglichen Lebens; Sprache; Mathematik; Geometrie; Kosmische Erziehung; zusätzlich (ortsgebunden): Musik, Kunst, Heilpädagogik, religiöse Erziehung.
40 Praxis: 10-12 Hospitationen in anerkannten Montessori-Einrichtungen
41 Heutzutage sind in den Montessori-Schulen viele Kinder mit verschiedenen Behinderungen anzutreffen, die in der Regelschule keine gezielte Förderung erhalten könnten.

Selbsttätige Erziehung nach Maria Montessori

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Maria Montessori
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Von der Medizin zur Pädagogik
2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen
3.1 Anthropologische Grundgedanken von Maria Montessori
3.1.1 Das Erziehungsziel von Maria Montessori und ihr Bild vom Kind
3.1.2 Der geistige Embryo und der absorbierende Geist
3.1.3 Die sensiblen Perioden und die Entwicklungsstufen des Kindes
3.1.4 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die pädagogische Umsetzung: Das Kinderhaus
3.2.1 Die vorbereitete Umgebung
3.2.2 Die Leiterin
3.2.3 Die Lerngruppe
3.2.4 Die Begriffe der Freiheit und Disziplin
3.2.5 Das Material und seine Darbietung
3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute
3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

4. Ausgewählte Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion unter Bezugnahme auf die Pädagogik Maria Montessoris

4.1 Die Notwendigkeit einer gezielten (Früh-)Förderung unserer Kinder unter neurologischer und gesellschaftlicher Perspektive
4.1.1 Gegenwärtige Entwicklungstheorien und ihre neurologischen Grundlagen
4.1.2 Welche Bedeutung hat die Frühförderung für unsere Kinder?
4.1.3 Lernen mit allen Sinnen
4.1.4 Selbsttätiges, selbstgesteuertes und selbstentdeckendes Lernen

4.2 Die Schuleingangsphase
4.2.1 Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule
4.2.2 Aktuelle Modelle der Schuleingangsphase
4.2.3 Das Konzept des jahrgangsgemischten Lernens

4.3 Wege in ein verändertes Schulsystem
4.3.1 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit
4.3.2 Die Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule unter Bezugnahme auf die PISA-Studie
4.3.3 Wie aktuell ist die Montessori-Pädagogik heute noch?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis