WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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2. Biographische Angaben zu Maria Montessori



2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

Montessori war eine Vertreterin innerhalb der großen internationalen Reformbestrebungen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die von einer Kritik am Erziehungswesen und der damaligen Bildungspolitik geprägt waren. Es wurde eine Abkehr von den veralteten instruktiven Lehrmethoden, damit einhergehend eine neue Wahrnehmung und Achtung des Kindes und somit eine Pädagogik "vom Kinde aus" gefordert. Reform war hierbei nicht als technologischer Vorgang zu verstehen, als Ersetzen aller Methoden durch vermeintlich bessere, sondern sie schloss "vielmehr an den Ursinn dessen an, was 'reformatio' heißen kann: Lebenserneuerung durch Lebensumkehr" (Röhrs 1998, S. 252). Die anthropologischen Grundsätze Montessoris lassen eine Anlehnung an Rousseau vermuten, wohingegen ihre pädagogischdidaktischen Ansätze verstärkt an Itard, Séguin und die Theorien Herbarts9 anknüpfen. Ihre Kritik am Erwachsenen und ihr Bild vom Kind, dem alle Freiheiten gewährt werden müssen, um es zu seiner natürlichen Vervollkommnung zu führen, erinnern an die Grundgedanken Rousseaus, wohingegen ihr schrittweises Vorgehen beim schulischen Lernprozess des Kindes auf Herbarts Stufentheorie des Unterrichtens10 zurückzuführen sind (vgl. Benner/Kemper 2003, S. 28 f.).

Vertiefte Annäherungen zu anderen Reformpädagogen11 ihrer Zeit gab es nicht, da Montessori sich verstärkt auf die Weiterentwicklung ihrer eigenen pädagogischen Ideen konzentrierte. Ihre Werke und Biographien zeichnen das Bild einer emanzipierten, eigensinnigen Frau, die nur auf sich selbst zu vertrauen schien und sich demnach kaum von anderen beeinflussen ließ. Sie begegnete zwar vielen zeitgenössischen Reformpädagogen im Rahmen von Tagungen und innerhalb der New Education Fellowship12, doch nur wenige beeinflussten sie nachhaltig, wie zum Beispiel der Arzt Ovide Decroly oder Percy Nunn, der die Entwicklung ihres Konzepts des 'absorbierenden Geistes' prägte.

Weitere erwähnenswerte Reformpädagogen der damaligen Zeit, die auch heute noch einen Platz in der Schullandschaft einnehmen, sind der …sterreicher Steiner13 und der Franzose Freinet14. Sie entwickelten ihre Pädagogik zum Teil auf ähnlichen anthropologischen Grundgedanken basierend, wie Montessori. Sie stellten das Kind in den Mittelpunkt des Geschehens, stets mit dem Ziel vor Augen, es zu Unabhängigkeit und Freiheit zu erziehen. Alle drei folgten sie dem erzieherischen und didaktischen Grundsatz "vom Kinde aus" gehen zu müssen, um ihm und seinen besonderen Eigenschaften gerecht werden zu können. Montessori betonte bei ihrer Erziehung stärker das Prinzip der freien Wahl und freien Entscheidung; Steiner sah es als Aufgabe des Erziehers an, das Kind zu Freiheit zu erziehen und Freinet betonte verstärkt die werkhafte Betätigung im gemeinsamen Leben, welche die Freiheit der Kinder ermöglichen sollte. Bei Montessori waren die von ihr eigenständig entworfenen Materialien das Kernstück ihrer Pädagogik, da durch sie die Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit des Kindes angeregt werden sollte. Freinet hingegen betonte verstärkt den schöpferischen Charakter der selbsttätigen Gestaltung und weniger das Material selbst, so wie auch Steiner den Materialen keine große Bedeutung zumaß, sondern verstärkt das ganzheitliche Zusammenspiel der handwerklichen, künstlerischen und geistigen Arbeit betonte. Allen drei gemeinsam ist jedoch, dass sie die Selbsttätigkeit des Kindes in den Vordergrund rücken wollten, was nur in einer neuen Art von Schule und Unterricht möglich war, welche sich an den kindlichen Bedürfnissen orientierte und in der das Kind die Freiheiten erfuhr, die es für seine Entwicklung benötigte (vgl. Hellmich/Teigeler 1995, S. 12 ff.).

Ein weiterer nennenswerter Pädagoge dieser Zeit, der auch einige Parallelen zu Montessori aufweist, war Peter Petersen15. Er schaffte, wie auch Montessori, die Jahrgangsklassen ab, um in jahrgangsgemischten Stammgruppen zu unterrichten. Der Lehrer sollte sich in seiner instruktiven Rolle stärker zurücknehmen und, wie auch bei Montessori, eher eine leitende Funktion übernehmen, um den Schüler verstärkt zu eigenem Handeln und Denken zu führen. Die Arbeit der Kinder sollte sich an einem Wochenarbeitsplan orientieren, durch welchen der Schüler selbst in den Mittelpunkt seines Lernprozesses gestellt wurde und zu mehr Selbstständigkeit angeregt wurde. Der Gruppenraum, in welchem die Kinder arbeiteten, sollte Erfahrungs- und Lebensraum für die Kinder sein, was auch die von Petersen verwendete Bezeichnung der âSchulwohnstubeÔ verdeutlicht. Bei dem pädagogischen Ansatz von Petersen stand ebenfalls die Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit des Schülers im Vordergrund und es sollte ein stärker personal orientiertes Lernen stattfinden. Deshalb ersetzte er in seinen Jena-Plan-Schulen die Ziffernnoten durch verbale Beurteilungen, um so dem individuellen Lernprozess des Schülers besser gerecht werden zu können (vgl. Winkel 1993, S. 28 ff.).

Der Zeitraum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war also deutlich geprägt von verschiedenen pädagogischen Ansätzen, welche ein neues Denken in der Erziehung der Kinder und damit einhergehend ein neues Schulsystem forderten. Jäh unterbrochen wurde die Weiterentwicklung und Festigung der reformpädagogischen Strömungen jedoch durch die Zeit des Nationalsozialismus, wodurch letztendlich viele reformpädagogische Ideen ganz in Vergessenheit gerieten oder nur in Teilansätzen in den Schule integriert wurden. Vor allem in den letzten Jahren können in Deutschland die Montessori-Schulen, sowie die Waldorfschulen von Steiner oder Petersens Jena-Plan-Schulen von einem relativ großen Zulauf profitieren.



Fußnoten:
9 Johann-Friedrich Herbart (1776-1841)
10 1. Stufe: Klarheit; 2. Stufe: Assoziation; 3. Stufe: System; 4. Stufe: Methode
11 Zum Beispiel: Ellen Key (1849-1926); John Dewey (1859-1952); Percy Nunn (1870-1943); William Heard Kilpatrick (1871-1965); Ovide Decroly (1871-1932), Adolphe Ferrire (1879-1960); Carleton Washburne (1889-1968)
12 Im Jahre 1921 gegründetes internationales Forum von Pädagogen, um die neuen Lernmethoden im Rahmen der reformpädagogischen Bewegung zu debattieren und weiterzuentwickeln. Den Mitgliedern ging es letztendlich, um die Gestaltung einer Weltpädagogik, die über ein neues Bildungskonzept den Weltfrieden sichern sollte (vgl. Röhrs 1994)
13 Rudolf Steiner (1861-1925)
14 Célestin Freinet (1896-1966)






Selbsttätige Erziehung nach Maria Montessori

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Maria Montessori
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Von der Medizin zur Pädagogik
2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen
3.1 Anthropologische Grundgedanken von Maria Montessori
3.1.1 Das Erziehungsziel von Maria Montessori und ihr Bild vom Kind
3.1.2 Der geistige Embryo und der absorbierende Geist
3.1.3 Die sensiblen Perioden und die Entwicklungsstufen des Kindes
3.1.4 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die pädagogische Umsetzung: Das Kinderhaus
3.2.1 Die vorbereitete Umgebung
3.2.2 Die Leiterin
3.2.3 Die Lerngruppe
3.2.4 Die Begriffe der Freiheit und Disziplin
3.2.5 Das Material und seine Darbietung
3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute
3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

4. Ausgewählte Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion unter Bezugnahme auf die Pädagogik Maria Montessoris

4.1 Die Notwendigkeit einer gezielten (Früh-)Förderung unserer Kinder unter neurologischer und gesellschaftlicher Perspektive
4.1.1 Gegenwärtige Entwicklungstheorien und ihre neurologischen Grundlagen
4.1.2 Welche Bedeutung hat die Frühförderung für unsere Kinder?
4.1.3 Lernen mit allen Sinnen
4.1.4 Selbsttätiges, selbstgesteuertes und selbstentdeckendes Lernen

4.2 Die Schuleingangsphase
4.2.1 Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule
4.2.2 Aktuelle Modelle der Schuleingangsphase
4.2.3 Das Konzept des jahrgangsgemischten Lernens

4.3 Wege in ein verändertes Schulsystem
4.3.1 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit
4.3.2 Die Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule unter Bezugnahme auf die PISA-Studie
4.3.3 Wie aktuell ist die Montessori-Pädagogik heute noch?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis