WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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2. Biographische Angaben zu Maria Montessori



2.2 Von der Medizin zur Pädagogik

Rom war zur damaligen Zeit eine kosmopolitische Stadt, in der viele Zuwanderer und reiche Geschäftsleute lebten. Montessori kam in ihren gesellschaftlichen und akademischen Kreisen viel in Kontakt mit Frauen aus wohlhabenden Familien und fand in ihnen Fürsprecherinnen und Unterstützerinnen in ihrem Engagement für Kinder und für die Emanzipation der Frau. Im Jahre 1896 wurde Montessori als Delegierte zu einem internationalen Frauenkongress in Berlin gesandt, auf dem die Rechte und die Stellung der Frau in der Gesellschaft thematisiert wurden und ihre Reden großen Beifall erhielten.

Neben ihren gesellschaftlichen Engagements und Verpflichtungen ging Montessori weiterhin ihrer Arbeit in der psychiatrischen Klinik nach und besuchte im Rahmen ihrer Arbeit auch die Irrenanstalten in Rom, wo sie erstmals mit geistig Behinderten in Kontakt kam. Deren Geistes- und Gesundheitszustand weckten Montessoris Interesse und sie begann sich näher mit deren Krankheiten zu befassen. Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf die Werke von Jean-Marc-Gaspard Itard4 und dessen Schüler Edouard Séguin5, deren Ansichten und Forschungsergebnisse über die Erziehung geistig zurückgebliebener Kinder bei Montessori gedankliche Prozesse auslösten, die sie von da an nicht mehr losließen. Dieses Erlebnis mit den geisteskranken Kindern kann man im Nachhinein als Schlüsselerlebnis bezeichnen, welches sie dazu veranlasste ihre Aufmerksamkeit auf die Erziehung und Bildung von Kindern zu legen (vgl. Röhrs 1998, S. 251). Ihr Interesse für die psychische Entwicklung der Kinder und damit verbunden die spezielle Förderung geistiger Fähigkeiten war geweckt und stellten ihre ersten Annäherung in Richtung der Erziehungswissenschaft und Pädagogik dar. Um ihr Wissen auf diesen Gebieten zu erweitern, besuchte sie 1897 und 1898 die Pädagogik"Vorlesungen an der römischen Universität und "las alle Hauptwerke der Erziehungstheorien der letzten 200 Jahre. Nach und nach fügten sich viele der Ideen, die sie in diesen Werken fand, in ihrem Geist zu ihrer eigenen Theorie zusammen" (Kramer 1995, S.76).

Vor allem aus den Werken von Pestalozzi6 und Fröbel7, die sich beide auf die Ansätze Rousseaus8 stützten, übernahm sie einige Aspekte und integrierte sie in modifizierter Form in ihre Pädagogik. Pestalozzi vertrat den Ansatz einer ganzheitlichen Bildung ('Kopf, Herz und Hand'), um das Kind zu befähigen, selbstständig handeln zu können; sein Anhänger Fröbel konzentrierte sich in Anlehnung an das Konzept Pestalozzis vor allem auf die Früherziehung und war Begründer des ersten Kindergartens.

Montessori konzentrierte sich anfangs, in Anlehnung an ihre medizinischen Erfahrungen im "Irrenhaus", verstärkt auf die Erziehung "geistesschwacher" Kinder. Sie initiierte die Einrichtung von Sonderklassen mit der Begründung, die Kräfte solcher Kinder im Sinne der gesellschaftlichen …konomie nutzbar machen zu müssen. Hierbei orientierte sie sich immer an ihrem Grundsatz "erst die Erziehung der Sinne, dann die Erziehung des Verstandes", den sie auch in ihrer Pädagogik für gesunde Kinder stets verfolgte (ebd., S. 94). Das große Ziel, das hinter den pädagogischen Ansätzen Montessoris stand, war ein sozial-gesellschaftliches: nämlich die Behebung der sozialen Missstände. Hier wollte sie durch die richtige Erziehung schon bei den Kindern den Grundstein für eine "neue" Gesellschaft legen.

1900 wurde Montessori zur Direktorin einer Schule für geistig behinderte Kinder ernannt, die im Rahmen eines Instituts zur Lehrerbildung für geistig behinderte Kinder in Rom eröffnet wurde. In diesem Rahmen konnte sie erstmals aktiv mit Sinnesmaterialien - nach den Methoden Séguins und Itards - arbeiten, um diese anschließend durch gezielte Beobachtungen zu verfeinern. Nach zweijähriger Arbeit hatte sie ihre Methode und ihr Material soweit ausgearbeitet, dass sie damit auch "schwachsinnige" Kinder als bildungsfähig darstellen konnte. Denn ihre Schüler schnitten in den Staatsprüfungen im Lesen und Schreiben zum Teil sogar besser ab, als gesunde Kinder des gleichen Alters. Dieses Ergebnis veranlasste Montessori wiederum dazu, ihren Fokus nun auch auf den Unterricht der gesunden Kinder zu legen, um auch ihnen die Möglichkeiten einer umfassenden Bildung zu ermöglichen. Im Jahre 1901 verließ sie daraufhin die Schule, um ein Studium der Anthropologie, Experimentalpsychologie und der Erziehungsphilosophie aufzunehmen. Mitunter schienen wohl auch private Gründe, nämlich die uneheliche Geburt ihres Sohnes Mario und Konflikte mit dessen Vater, ausschlaggebende Aspekte für diese Entscheidung gewesen zu sein (vgl. ebd., S. 114 ff.). Ihren Sohn gab Maria nach seiner Geburt zu Pflegeeltern und nahm ihn erst als Jugendlichen wieder bei sich auf. Von diesem Zeitpunkt an war Mario Montessori jedoch ständiger Begleiter und Unterstützer seiner Mutter auf all ihren Reisen und trug nach ihrem Tod dafür Sorge, dass ihr Werk gewahrt und weiter ausgebaut wurde (vgl. Raapke 2004, S. 175).

1907 öffnete das erste Kinderhaus, das "casa dei bambini", im Armenviertel San Lorenzo in Rom seine Pforten, mit Maria Montessori als seiner Leiterin (vgl. Kramer 1995, S. 137). Maria nutzte diese Chance, ihr didaktisches Material erstmals auch an gesunden Kindern auszuprobieren, was mit durchschlagendem Erfolg gesegnet war. Dem ersten Kinderhaus folgten viele weitere, erst nur in Italien, später auch in vielen anderen Ländern in Westeuropa, Amerika, England, Mexiko, China, Japan, Australien und Indien, um nur einige der Verbreitungsorte ihrer Pädagogik zu nennen. Montessori erhielt Besuche von Interessenten aus der ganzen Welt, die sich ihre erzieherischen und didaktischen Methoden ansehen und ihre Erfolge begutachten wollten. Nachdem die montessorianischen Ideen von Bewunderern in ihren jeweiligen Heimatländern verbreitet wurden und das Interesse an ihrer Pädagogik stetig wuchs, traf Montessori im Jahre 1910 die Entscheidung, ihr bisheriges Leben als Lehrerin und Ärztin aufzugeben und sich ganz der Verbreitung ihres pädagogischen Ansatzes zu widmen. Sie begab sich auf Reisen durch die ganze Welt, um Vorträge zu halten, Lehrer auszubilden und sowohl ihre Anhänger als auch ihre Kritiker von ihrer Pädagogik und der richtigen Umsetzung zu überzeugen. Sie verbrachte längere Aufenthalte in den USA, Spanien, England und den Niederlanden und überdauerte den Zweiten Weltkrieg im Exil in Indien. Gegen Ende ihres Lebens beschäftigte sie sich auch mit der Entwicklung von älteren Kindern und entwickelte ihren âErdkinderplanÔ, der jedoch aufgrund ihres Todes nie völlig ausgearbeitet wurde.

Am 6. Mai 1952 verstarb Maria Montessori im Alter von 81 Jahren in den Niederlanden, in dem Ort Nordwijk aan Zeen (vgl. ebd., S. 180 ff.).



Fußnoten:
4 Itard war französischer Arzt und Taubstummenlehrer (1774-1838), der durch seine Erziehungsversuche des "Wilden von Aveyron", einem verwahrlosten Jungen, der 11 Jahre im Wald gelebt hatte, neue Methoden zur Erziehungshilfe bei geistig Zurückgebliebenen Kindern entwickelte.
5 Séguin war französchischer Arzt und Pädagoge (1812-1880) und entwickelte die Methoden und das didaktische Material von Itard zu einer vollständigen Erziehungslehre weiter.
6 Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
7 Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852)
8 Jean"Jacques Rousseau (1712-1778)

Selbsttätige Erziehung nach Maria Montessori

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Maria Montessori
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Von der Medizin zur Pädagogik
2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen
3.1 Anthropologische Grundgedanken von Maria Montessori
3.1.1 Das Erziehungsziel von Maria Montessori und ihr Bild vom Kind
3.1.2 Der geistige Embryo und der absorbierende Geist
3.1.3 Die sensiblen Perioden und die Entwicklungsstufen des Kindes
3.1.4 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die pädagogische Umsetzung: Das Kinderhaus
3.2.1 Die vorbereitete Umgebung
3.2.2 Die Leiterin
3.2.3 Die Lerngruppe
3.2.4 Die Begriffe der Freiheit und Disziplin
3.2.5 Das Material und seine Darbietung
3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute
3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

4. Ausgewählte Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion unter Bezugnahme auf die Pädagogik Maria Montessoris

4.1 Die Notwendigkeit einer gezielten (Früh-)Förderung unserer Kinder unter neurologischer und gesellschaftlicher Perspektive
4.1.1 Gegenwärtige Entwicklungstheorien und ihre neurologischen Grundlagen
4.1.2 Welche Bedeutung hat die Frühförderung für unsere Kinder?
4.1.3 Lernen mit allen Sinnen
4.1.4 Selbsttätiges, selbstgesteuertes und selbstentdeckendes Lernen

4.2 Die Schuleingangsphase
4.2.1 Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule
4.2.2 Aktuelle Modelle der Schuleingangsphase
4.2.3 Das Konzept des jahrgangsgemischten Lernens

4.3 Wege in ein verändertes Schulsystem
4.3.1 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit
4.3.2 Die Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule unter Bezugnahme auf die PISA-Studie
4.3.3 Wie aktuell ist die Montessori-Pädagogik heute noch?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis