WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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1 Einleitung



"Hilf mir, es allein zu tun"1. Diese Aussage ist meist die erste Assoziation, die den meisten zu Maria Montessori einfällt und ist wohl jedem, der im erziehungswissenschaftlichen Bereich tätig ist, ein Begriff. Doch was steckt dahinter und vor allem, wie aktuell ist diese Aussage unter dem Blickpunkt der gegenwärtigen Bildungsdiskussion heute noch?

Einhergehend mit den Forderungen nach Innovationen im Erziehungs- und Bildungssystem in Deutschland müssen auch die didaktische Konzeption des Unterrichts, die Lehrerolle und die Organisationsstrukturen von vorschulischen und schulischen Einrichtungen überdacht und modifiziert werden. In diesem Kontext stellt sich die Frage, inwiefern die pädagogischen Vorstellungen Maria Montessoris Übereinstimmungen mit den aktuellen Reformvorschlägen und Forderungen von Seiten der Politik und Erziehungswissenschaft aufweisen oder ob sie potentielle Bereicherungen der gegenwärtigen Bildungsdiskussion des 21. Jahrhunderts darstellen könnten.

Maria Montessori war ohne Frage eine bedeutende Frau ihrer Zeit, die durch ihre damals revolutionären Forderungen nach einer neuen Sicht auf das Kind und dessen Erziehung im Rahmen der reformpädagogischen Bewegung eine führende Rolle einnahm. Doch ist ihre Pädagogik über hundert Jahre nach ihrer Begründung noch von aktueller Bedeutung oder sind ihre Ansätze veraltet und aufgrund veränderter Gesellschaftsstrukturen und damit einhergehender modifizierter Erziehungsleitsätze heute nicht mehr tragbar? Unter Bezugnahme auf wichtige Inhalte aus der aktuellen Bildungsdiskussion im Bereich der Elementar- und Primarbildung soll dieser Frage im Laufe der Arbeit nachgegangen werden. Es wird kritisch erörtert, inwiefern die Pädagogik Maria Montessoris tatsächlich Lösungsansätze für die proklamierte 'Bildungsmisere' des 21. Jahrhunderts bieten oder die gegenwärtigen Reformbestrebungen in fruchtbarer Weise bereichern kann. Hierbei werde ich zuerst einen kurzen Abriss der Biographie Montessoris vorstellen, da ihre Pädagogik eng mit ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte verknüpft ist und somit ihre Ansätze und Gedankengänge besser nachvollzogen werden können. Zudem wird eine kurze Einordnung in den reformpädagogischen Kontext stattfinden, da Montessori ihre Ideen in einer sehr umbruchsträchtigen Zeit entwickelte, in der auch andere reformpädagogische Persönlichkeiten wertvolle Beiträge leisteten, welche zumindest eine kurze Erwähnung finden sollten. Kapitel drei umfasst die anthropologisch-pädagogischen Grundlagen der Pädagogik Montessoris und deren konkrete methodisch-didaktische Umsetzung in der Schule zur damaligen Zeit und in der Gegenwart. Hierbei werde ich versuchen die einzelnen Ansätze zur besseren Verständlichkeit und Übersicht voneinander zu separieren, was jedoch keiner Gliederung Montessoris folgt. Alle Teilaspekte ihres pädagogischen Ansatzes sind nur in Interdependenz zu verstehen, da sie sich wechselseitig beeinflussen und eine klare Trennung nicht möglich ist. Die ersten drei Kapitel bilden den Ausgangspunkt für die weiteren Ausführungen und sind für ein tiefergehendes Verständnis und das Nachvollziehen der in Kapitel vier hergestellten Bezüge substanziell.

Im vierten Kapitel werden einzelne Aspekte der heutigen Bildungsdiskussion aufgegriffen, um sie in Hinblick auf die Montessori-Pädagogik auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu überprüfen. Hierbei soll geklärt werden, inwiefern einzelne Aspekte der montessorianischen Ansätze Potentialitäten in sich bergen, die zu einer Weiterentwicklung des heutigen Bildungs- und Erziehungssystems beitragen könnten. Der aktuelle Bezug zur Schule und ihrer Schülerschaft soll dabei stets hergestellt und mögliche Lösungsansätze für gegenwärtige schulpolitische und erzieherische Probleme diskutiert werden. Die Auswahl der einzelnen Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion erfolgt nach der gegenwärtigen Präsenz der Themen in der Öffentlichkeit, nach ihrer Bedeutung innerhalb der Montessori-Pädagogik und nach subjektiver Gewichtung ihrer möglichen Beeinflussung der zukünftigen Schul- und Erziehungswelt.

In Kapitel 4.1 wird die Notwendigkeit einer gezielten Förderung unserer Kinder, vor allem in Hinblick auf die Frühförderung, unter Bezugnahme auf aktuelle neurologische Theorien und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, erläutert. Wie lernen Kinder und welche Fördermaßnahmen sind von Bedeutung, um alle Lernpotentiale der Kinder nutzen zu können? Die Ansichten Montessoris werden mit aktuellen Ergebnissen aus der Neurologie und Entwicklungspsychologie in Beziehung gesetzt und auf ihre fortwährende Gültigkeit überprüft. Hierbei werden die gegenwärtig sehr präsenten Ansätze des 'Lernens mit allen Sinnen' und des selbsttätigen, selbstgesteuerten und selbstentdeckenden Lernens aus neurologischer Perspektive fundiert und auf deren Bedeutsamkeit, vor allem im Elementar- und Primarbereich, untersucht.

Kapitel 4.2 behandelt die Phase des Schuleingangs, da der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule eine gravierende Zäsur im Leben eines Kindes darstellt und mit vielerlei Konflikten einhergeht, die es möglichst zu verhindern oder abzumildern gilt. Hierbei soll hinterfragt werden, ob das Konzept des montessorianischen Kinderhauses eine mögliche Alternative zu gegenwärtigen elementar- und primarpädagogischen Einrichtungen darstellt und somit die Verwirklichung eines kontinuierlichen Bildungsweges in unserem Schulsystem ermöglichen könnte. In diesem Kontext muss überprüft werden, inwiefern der Terminus der 'Schulfähigkeit' noch pädagogische Relevanz aufweist oder ob diese Begrifflichkeit der gegenwärtigen Sichtweise vom Kind und seinen Kompetenzen nicht mehr gerecht wird. In Anlehnung daran soll im Rahmen aktueller Modelle einer neuen Schuleingangsphase erörtert werden, in welchem Umfang sich die inner- und außerschulischen Rahmenbedingungen der Grundschule ändern müssen, um den besonderen Anforderungen des Übergangs gerecht zu werden. Zudem soll ein Einblick ermöglicht werden, inwiefern neue Konzepte, wie zum Beispiel das der flexiblen Eingangsstufe, in der Schulrealität bisher schon umgesetzt werden konnte. Mit den Forderungen nach einer Umgestaltung des Elementar- und Primarbereichs gehen auch die Forderungen nach neuen Unterrichtsformen, wie die des jahrgangsgemischten Unterrichts, einher. Dieser Ansatz wurde schon von Montessori als die natürlichste Lern- und Lebensform2 des Menschen angesehen, weshalb dieses Konzept, im Vergleich zu den gegenwärtig vorherrschenden Jahrgangsklassen, einer erneuten Überprüfung bedarf. In diesem Kontext müssen auch das Selbstverständnis des Lehrers und seine Aufgaben, ebenso wie die des Schülers, neu definiert werden.

In Kapitel 4.3 soll das gegenwärtige Schulsystem auf mögliche Defizite überprüft und potentielle Lösungsansätze, unter Bezugnahme auf PISA, erörtert werden. Vorab werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit dargelegt, da der gesellschaftliche Wandel zugleich Ursache und Anlass der Reformbestrebungen darstellt. Die neuen Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule sollen mit den Ergebnissen der PISA-Studie verknüpft und mögliche Zusammenhänge dargelegt werden.

Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, wie aktuell die Montessori-Pädagogik heute tatsächlich noch ist und inwiefern sie fruchtbare Impulse für die Modifikation unseres Bildungssystems liefern kann.

In meiner Ausarbeitung werde ich unter Verwendung des generischen Maskulinums das Geschlecht der Schüler, Lehrer und aller anderen Personen neutral halten und nur im Zusammenhang mit den Ansätzen Montessoris ihren Terminus der 'Leiterin' übernehmen. Dies soll jedoch in keiner Weise negativ konnotiert sein.



Fußnoten:
1 "In den kindgemäßen Umgebungen unserer Kinderhäuser haben die Kleinen ihr inneres Bedürfnis mit dem Satz ausgedrückt: "Hilf mir, es allein zu tun"" (Montessori 2008, S. 201).
2 "Es ist etwas total Unnatürliches, und es ist falsch, Menschen eines Lebensalters zusammen zu bringen. Es ist auch falsch dies mit Kindern zu tun, man zerreißt den Faden des sozialen Lebens" (Montessori 1996, S. 97).

Selbsttätige Erziehung nach Maria Montessori

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Maria Montessori
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Von der Medizin zur Pädagogik
2.3 Historische Einordnung in den Kontext der Reformpädagogik

3. Pädagogisch-anthropologische Grundlagen
3.1 Anthropologische Grundgedanken von Maria Montessori
3.1.1 Das Erziehungsziel von Maria Montessori und ihr Bild vom Kind
3.1.2 Der geistige Embryo und der absorbierende Geist
3.1.3 Die sensiblen Perioden und die Entwicklungsstufen des Kindes
3.1.4 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die pädagogische Umsetzung: Das Kinderhaus
3.2.1 Die vorbereitete Umgebung
3.2.2 Die Leiterin
3.2.3 Die Lerngruppe
3.2.4 Die Begriffe der Freiheit und Disziplin
3.2.5 Das Material und seine Darbietung
3.3 Die Umsetzung der Montessori-Pädagogik heute
3.3.1 Die strukturellen Rahmenbedingungen der Montessori-Pädagogik in Deutschland
3.3.2 Die Montessori-Ausbildung und die aktuelle Umsetzung des pädagogischen Konzepts in der Grundschule

4. Ausgewählte Aspekte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion unter Bezugnahme auf die Pädagogik Maria Montessoris

4.1 Die Notwendigkeit einer gezielten (Früh-)Förderung unserer Kinder unter neurologischer und gesellschaftlicher Perspektive
4.1.1 Gegenwärtige Entwicklungstheorien und ihre neurologischen Grundlagen
4.1.2 Welche Bedeutung hat die Frühförderung für unsere Kinder?
4.1.3 Lernen mit allen Sinnen
4.1.4 Selbsttätiges, selbstgesteuertes und selbstentdeckendes Lernen

4.2 Die Schuleingangsphase
4.2.1 Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule
4.2.2 Aktuelle Modelle der Schuleingangsphase
4.2.3 Das Konzept des jahrgangsgemischten Lernens

4.3 Wege in ein verändertes Schulsystem
4.3.1 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule und Kindheit
4.3.2 Die Forderungen nach mehr Bildungsqualität in Kindergarten und Grundschule unter Bezugnahme auf die PISA-Studie
4.3.3 Wie aktuell ist die Montessori-Pädagogik heute noch?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis