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4. Ruth Cohns Arbeit in der Ecole d'Humanité

Nachdem ich im 2. Kapitel das Modell der Themenzentrierten Interaktion dargestellt und im 3. Kapitel den humanistischen Ansatz der Ecole d'Humanité skizziert habe, wird in diesem Teil der vorliegenden Hausarbeit Ruth Cohns TZI-Arbeit in der Ecole d'Humanité beschrieben. Es wird deutlich, wieso diese enge Zusammenarbeit möglich ist, und welchen Einfluß ihre Theorie auf die Ecole ausübt. Als Informationsquelle verwende ich den Aufsatz mit dem Titel "Meine Arbeit in der Ecole d'Humanité im Berner Oberland" aus dem Buch "Gelebte Geschichte der Psychotherapie".

4.1 Die Entscheidung, in der Ecole d'Humanité zu arbeiten

1974 findet Ruth Cohn ihre Arbeits- und Wohnstätte in der Ecole d'Humanité. Dies ist eine spontane Entscheidung. Hans Näf, Psychologe und Lehrerfortbilder, erzählt ihr, als sie bei ihrer Züricher Freundin Elisabeth Bollag zu Besuch ist, daß Armin und Natalie Lüthi- Peterson, Schulleiter der Ecole d'Humanité, sich für ihre Arbeit interessieren. Armin hofft, daß Cohn ihm bei einem Problem behilflich sein könnte. Denn neue Lehrer(innen) bleiben selten länger als ein Jahr, was zu Schwierigkeiten führt. Natalies ursprüngliches Interesse an TZI ist, Anstöße zu bekommen für Mitarbeiterinnengruppen und zur Förderung des weiblichen Selbstbewußtseins der jungen Frauen. Auch Ruth will seit längerer Zeit TZI in Schweiz einführen. Ecole d'Humanité ist ihr bekannt. Denn ihre zehn Jahre ältere Kusine Ella Levi- Auerbach, die während des Ersten Weltkrieges Schülerin an der Odenwaldschule gewesen ist, hat ihr viele positive Erfahrungen mit den Gründern Geheebs und dem Lernen in dieser Schule berichtet.

4.2 Der erste Eindruck

Als sie die Schule in Goldern am Hasliberg im Berner Oberland zum ersten Mal sieht, ist sie von Fernhäusern, dem sogenannten "Haupthaus", Schul- und Wohnhäusern und den kleinen Straßen mit Häusern für ältere Mitarbeiter und deren pädagogische Familien beeindruckt. Von zentraler Bedeutung erscheint ihr jedoch das Arbeitszimmer des verstorbenen Paulus Geheeb. Ihre Bewunderung für dieses Zimmer wird in folgendem Satz deutlich: "Der Raum sprach zu mir mit seinen Anzeichen der lebendig gebliebenen Verehrung für einen Verstorbenen und der Ausstrahlung aus der vergangenen Zeit, die ohne Bruch in die Gegenwart des heutigen Schulalltags hineinführt." ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S. 386 )

Ruth Cohn zieht in eine etwas abseits gelegene Chaletwohnung mit einer sehr schönen Aussicht. Sie ist von der herrlichen Landschaft begeistert und hofft im Inneren, hier den Gott zu finden. Cohn schätzt Geheebs Pädagogik, denn diese ist durch sein großes Zutrauen in die Selbstentwicklungskräfte der Heranwachsenden gekennzeichnet. Sein Vorhaben hieß: Ruhe, Warten, Beobachten, Helfen.

Er wollte seine Schüler weder führen noch drängen. "Geheeb stärkt die Kraft des Einzelnen, indem er ihm Verantwortung überträgt und auf diese Weise seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Mitbestimmung fördert." ( Alphei, Hartmut, Erziehung in Verantwortung vor der Geschichte. Die Odenwaldschule im Nationalsozialismus, S.104 ) Sie ist von dem Kurssystem, dem individualisierten Lehrplan und der Lebensform der "Familie" begeistert und sieht darin den Nährboden für ihre Arbeit.

4.3 Ruth Cohns TZI-Arbeit

In den ersten anderthalb Jahren ist Marianne Zollmann, wie schon zuvor im WKM, ihre Assistentin. Sie stehen beide unter Zeitdruck, denn Zollmann ist noch wissenschaftliche Assistentin an der pädagogischen Fachhochschule Göttingen und kann nur in ihren Urlaubs- und Freizeiten nach Schweiz kommen. Ruth Cohn hat für ihr ganzes Jahr vorgeplant, bevor die Entscheidung, in der Ecole tätig zu werden, getroffen wurde.

Dieser auferlegte Zeitdruck führt zu viel zu schnellen Ausführungen. Denn Cohn und Zollmann versuchen, in den kurzen Zwischenräumen des schon zusammengedrängten Jahresplans Themen zu erarbeiten, für die es sehr viel mehr Zeit bedarf. Ein Teil dieser Tage wird als obligatorisch für alle Mitarbeiter angekündigt, ein anderer nur für kleine Gruppen, die durch Auswahl bestimmt werden. Ruth, die als Zuhörerin teilnimmt, ist mit der intensiven und ergiebigen Arbeit sehr zufrieden. Jedoch muß sie bald feststellen, daß ein Teil der Mitarbeiter TZI skeptisch gegenüber stehen und mit dem überschnellen Anfangsstil nicht einverstanden sind. Cohn erkennt, daß TZI und WILL in Europa sie sehr in Anspruch nehmen.

4.3.1 Die Bearbeitung des Dachthemas: Tradition und Reformation in der Ecole

Jüngere Mitarbeiter sind von diesem Interaktionsmodell angetan und wollen nicht, daß ihr Problem verschwiegen und verdrängt wird, sondern hoffen aus eine zufriedenstellende und akzeptable Lösung. Sie fühlen sich vernachlässigt und sind mit der aufopferungsvollen Haltung "Wir- sind- doch- nur- für- die- Kinder- da" nicht mehr zufrieden. Außerdem gibt es wenige Möglichkeiten, anderen Lehrern privat oder beruflich näher zu kommen. Für die Unverheirateten bedeutet dies Einsamkeit und Frustrierung.

Marianne und Ruth erklären sich die Diskrepanz zwischen der sorgfältigen Beachtung der Schülerbedürfnisse und der unbefriedigenden Situationen neuer Mitarbeiter zum Teil aus der Geschichte der Ecole, die so viele Opfer von den älteren Mitarbeitern verlangt hat, daß sie die jetzige Situation als luxuriös ansehen müßten.

Um dieses Problem zu lösen, suchen die beiden Frauen nach Ideen, wie sie die Initiative der Mitarbeiter, Veränderungen und Erleichterungen zu bewirken, fördern können. Diese Arbeit erfordert sehr viel Zeit. Die Schulleitung bestärkt sie auf diesem Weg.

Im Herbst 1974 muß Cohn für mehrere Monate weg. Sie schlägt ihren Kollegen für die Zeit ihrer Abwesenheit vor, sich in sieben heterogenen Kleingruppen mit einem Thema auseinanderzusetzen. Die Unterthemen werden der zuvor gemeinsam geleisteten Arbeit entnommen.

Das Ziel dieser Sitzung ist eindeutig: nämlich "die Ecole von der geschichtlich erworbenen unklaren Führungsstruktur der familiären Kleinorganisation zu einer demokratisch klaren Struktur führen könnte". ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S. 392 )

Zu dem Dachthema: Tradition und Reformation in der Ecole gibt es 7 Unterthemen.

  1. Prinzipien und Lichtlinien für Regeln und Kameradenleben
  2. Tagesablauf
  3. Der neue Mitarbeiter
  4. Arbeitsverteilung- Balance in der Belastung
  5. Der Unterricht
  6. Zusammenleben mit den Kameraden
  7. Mitarbeiter untereinander

Zu jedem Thema werden Fragen formuliert, die den Rahmen bestimmen. Alle Themen sollen behandelt werden. Jede Gruppe behandelt während drei Wochen ein Thema, gibt dann das Thema und ein Ergebnisprotokoll einer anderen Gruppe weiter. Dabei steht der Gedankenaustausch im Vordergrund.

Als Ruth Cohn zurückkommt, ist sie von der Arbeit der einzelnen Gruppen angenehm überrascht, da mehrere konkrete Vorschläge erarbeitet wurden. Zu diesen Vorschlägen gehören z. B.:

  • eine Betreuungskommission für neue Mitarbeiter
  • eine Veränderung des Konferenzprogramms ( Morgenansagekonferenz und Zusatzkonferenz )
  • Fachaustauschgruppen der Mitarbeiter

Auch wenn die erarbeiteten Vorschläge damals mit Zögern und Skepsis angenommen wurden, sind diese Änderungen heute selbstverständlich. Keiner kann sich jetzt vorstellen, daß es richtig und sinnvoll ist, die neuen Mitarbeiter(innen) "einfach ins kalte Wasser springen zu lassen". Es war ein wichtiger Lerprozeß für alle in der Ecole. Sie haben gelernt, daß Veränderungen und Neuerungen möglich und wichtig sind.

4.3.2 Die Veranstaltung eines Drei-Tage-Workshops

Viele Schüler sind von den Wirkungen der TZI angenehm überrascht und bieten Ruth Cohn an, einen Drei- Tage- Workshop zu gestalten. Sie läßt sich auf diesen vorschnellen Versuch ein und ladet 20 WILL- Europa- Kandidaten ein, um mit den 140 Schülern und 40 Mitarbeitern in Gruppen zu arbeiten. Drei verschiedene Arbeitsbereiche werden strukturiert:

  1. Die pädagogische Familiengruppe
  2. Eine Unterrichtsgruppe
  3. Homogene Mitarbeiter- und altershomogene Schülergruppen.

Vor und nach diesen drei Tagen findet je ein Supervisionstag mit den WILL- Gruppenleitern statt. Die Reaktion auf diese Tage ist unterschiedlich. Viele Ecolianer finden diese Tage ergiebig und interessant. Natürlich gibt es auch einen skeptischen Teil des Kollegiums. Cohn selbst ist unglücklich und unzufrieden, da sie nach der Veranstaltung sofort weiterreisen muß und somit keine Zeit hat, über positive und negative Stimmungen zu reden und zu klären.

Sie organisiert wöchentliche Unterrichtsaustauschgruppen unter spezieller Anwendung von TZI- Konzepten und- Techniken, die zum Teil von ihr, zum Teil von ihrem WILL- Assistenten geleitet werden. So nehmen etwa zwei Drittel der Mitarbeiter an diesen Kursen teil, da sie der Meinung sind, daß sie für ihre pädagogische Arbeit sehr sinnvoll sind. Neben den begeisterten "TZI- Anhängern" gibt es aber auch "TZI- Ablehner". Cohn ist der Meinung, daß diese Tatsache hätte vermieden werden können, wenn sie das "Störungsprinzip" befolgt und die Abwehr rechtzeitig besprochen hätte.

Nachdem Marianne Zollmann 1976 ihre Assistenz beendet, sind Pater Johannes Pausch, Pädagoge und Theologe, Irene Anann, Studienrätin, und Franck Wolff, Lehrer, jeweils ein bis zwei Jahre TZI- Assistenten.

Ruth Cohn verdankt ihren Assistenten sehr viel, da sie versucht haben, "die TZI- Gruppenarbeit in schöpferischem Prozeß weiterzuführen, andere Mitarbeiter zu interessieren und immer neue Wege zu finden, wie Gruppenarbeit den Persönlichkeiten von Lehrern und Schülern und der Ecole nützlich sein kann". ( Cohn, Rith, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S.396 )

4.3.3 Ecole d'Humanité- eine TZI-Schule?

Inzwischen gibt es genügend Mitarbeiter an der Ecole, die einen großen Teil der TZI-Gruppenleitungsarbeit übernehmen. Sie sammeln ihre Erfahrungen mit TZI und entwickeln sich weiter. Ruth Cohn ist jedoch der Meinung, daß eine Zusatzausbildung durch betriebsexterne Kurse erforderlich ist, um den Horizont des Gruppenleiters zu erweitern.

Rückblickend erkennt Cohn, daß die Ecole d'Humanité nicht zur TZI- Schule geworden ist. Dennoch schätzt sie den Einfluß durch TZI auf Konferenzen, Kurse und Zusammenkünfte aller Art. Die Teilnahme der Mitglieder an den verschiedenen TZI- Gruppen hat direkten und indirekten Einfluß auch auf die Schule als Ganzes und die Schüler ausgeübt.

In diesem Lebensabschnitt hat Ruth Cohn selbst viel gelernt. Sie hat es wieder erlebt, daß man als Gruppenleiter Störungen nicht verdrängen sondern ernst nehmen soll, da durch nicht aufgearbeitete Störungen aller Art, Abwehr und Mißtrauen entstehen oder verstärkt werden. Ferner fand sie die Bestätigung, daß mit persönlichem Vertrauen sehr viel Positives in Organisationen und Institutionen geschehen kann.

Sie ist davon fest überzeugt, daß die themenzentrierte interaktionelle Gruppenarbeit eine direkte Fortführung der pädagogischen Anliegen von Paulus und Edith Geheeb ist.

4.3.4 Armin Lüthi über Ruth Cohns Arbeit

Das Ehepaar Armin und Natalie Lüthi unterstützen und bestärken Ruth Cohn seit 1974 in ihrer Arbeit. Sie erkennen dankend, daß diese Frau die didaktische Schulung der Lehrer geformt und allen Mitgliedern der Ecole gezeigt hat, wie man Konflikte lösen kann. Anhand von Spielen wie z.B.: Wie geht's mir mit mir, wie geht's mir mit Dir? wird das Zusammenleben in der "Familie" bedacht. "Es gehört mit zum von Ruth erlernten Handwerk, solche Spiele zu durchschauen und mit Hilfe des Themas und mit geeigneten Hinweisen das festgefahrene Gespräch wieder in die gewünschte Richtung zu bringen". ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S.397 )

Alle haben gelernt, daß damit nichts erreicht ist, wenn Spannungen sofort entschärft, Gegensätze vertuscht und harmonisiert werden. Konflikte und Ärger sollen offen ausgedrückt und ausgetragen werden.

Die Erkennntnis, daß Menschen verschieden sind und nicht immer derselben Meinung sein müssen, ist sicherlich banal. Sie spielt aber für das friedliche Zusammenleben einer Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Ruth Cohn ist es gelungen, alle aus einer Unbeweglichkeit herauszuholen, die wohl auch mit Loyalität den Gründern der Schule gegenüber zu tun hatte.

École d'Humanité
& TZI


HP: École d'Humanité


Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Modell der Themenzentrierten Interaktion

2.1 Anliegen der Themenzentrierten Interaktion

2.2 Methodik
2.2.1 Das Prinzip der dynamischen Balance
2.2.2 Das Ich
2.2.3 Das Wir
2.2.4 Das Es
2.2.5 Der Globe

2.3 TZI- Axiome
2.3.1 Existentiell- anthropologisches Axiom
2.3.2 Ethisch- soziales Axiom
2.3.3 Pragmatisch- politisches Axiom

2.4 Die Postulate
2.4.1 Das erste Postulat
2.4.2 Das zweite Postulat

3. Paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz

3.1 Von der Odenwaldschule zur Ecole d'Humanité

3.2 Erziehung zum Frieden. Koedukation, Schülermitbestimmung und Demokratie, Internationalität
3.2.1 Die Erziehung zum Frieden
3.2.2 Koedukation
3.2.3 Schülermitbestimmung und Demokratie
3.2.4 Internationalität

3.3 Die Ecole d'Humanité heute- eine enorm politische Schule
3.3.1 Das Kurssystem
3.3.2 Individualisierender Lehrplan
3.3.3 Familiensystem

4. Ruth Cohns Arbeit in der Ecole d'Humanité

4.1 Die Entscheidung, in der Ecole d'Humanité zu arbeiten
4.2 Der erste Eindruck

4.3 Ruth Cohn TZI- Arbeit
4.3.1 Die Bearbeitung des Dachthemas: Tradition, Reformation in der Ecole
4.3.2 Die Veranstaltung eines Drei- Tage- Workshops
4.3.3 Ecole d'Humanité- eine TZI- Schule?
4.3.4 Armin Lüthi über Ruth Cohns Arbeit

5. Schlußwort

6. Literaturverzeichnis