WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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3. Paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz

Auf einer Sonnenterasse des Berner Oberlandes in der Schweiz, 90 Kilometer von der Hauptstadt Bern entfernt, liegt Ecole d'Humanité. Diese Schule, die eine Schule der Menschheit werden sollte, wurde 1946 von Paul und Edith Geheeb- Cassirer eingerichtet. Die "Ecole", wie sie von Schülern und Lehrern genannt wird, war nach der Freien Schulgemeinde Wickersdorf (1907) und der Odenwaldschule (1911 gegründet) die dritte Schule, die Paul Geheeb ins Leben rief.

Im Laufe des Jahres 1933 mußte er einsehen, daß für seine pädagogischen Grundüberzeugungen im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr sein würde. Mit einigen Mitarbeitern und etwa 25, vor allem jüdischen Schülern, emigrierten die Gründer der Odenwaldschule Ende März 1934 in die Schweiz. "Nach einer zehr Jahre dauernden Odyssee mit verschiedenen Zwischenstationen an verschiedenen Orten fanden sie 1944 schließlich auf dem Hasliberg eine entgültige Bleibe." (Alphei, Hartmut, Erziehung in Verantwortung vor der Geschichte. Die Odenwaldschule im Nationalsozialismus, S. 99 ). Man kann demnach mit Recht behaupten, daß die Ecole d'Humanité diejenige Schule ist, die Geheeb am meisten Energie gekostet hat.

Obwohl Geheeb bereits damals als anerkannter europäischer Pädagoge, verständnisvoller Lehrer und guter Didaktiker bekannt war, stieß er bei den Schweizer auf Skepsis und Unverständnis. Außerdem verwirrte und erschreckte das Aussehen des Pädagogen: wallender Bart, seine Pelerine und Sandalen die Bevölkerung dieser Gegend.

Inzwischen ist die "Ecole" kein Fremdkörper mehr und wird als Bestandteil des Haslibergs anerkannt. Diese Integration und Akzeptanz ist natürlich auch der "Nachbarschaftshilfe" zu verdanken: Schüler und Schülerinnen melden sich nachmittags freiwillig zur Hilfeleistung bei den Bauern.

Dennoch gibt es auch heute noch Vorurteile gegenüber und Kritik an der Ecole d'Humanité. Erstens ist die sozialdemokratische Partei der Schweiz gegenüber den Privatschulen negativ eingestellt. Zweitens hat man kein Verständnis für die Tatsache, daß die Schüler beim Planen des Unterrichts eine entscheidende Rolle spielen. Außerdem wird noch die Höhe des Schulgeldes kritisiert. Die Menschen vergessen dabei lediglich, daß die Kinder und Jugendliche in dieser Schule der Menschheit denken lernen, was sehr wichtig für das spätere Berufsleben ist.

Viele spannende Fragen sind zu klären: Wie ist die Ecole d'Humanité entstanden? Wie hat sie sich entwickelt? Welche pädagogischen Grundsätze liegen ihrer Tätigkeit zugrunde und wie werden diese realisiert?

Auf diese Fragen soll der folgende Text antworten.

3.1 Von der Odenwaldschule zur Ecole d'Humanité

In diesem Abschnitt wird der Exodus der Geheebs aus Deutschland und die Zeit bis zur Gründung der Ecole d'Humanité dargestellt.

Leider gibt es wenig Literatur über die nervenaufreibenden Umzüge des deutschen Pädagogen, seiner Frau Edith und seiner Schule. Hier werden die zehn wichtigsten "Stationen" der "Ecole" in der Schweiz skizziert:

1. Im Laufe des Jahres 1933 muß Geheeb einsehen, daß für seine pädagogischen Grundüberzeugungen im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr sein würde. Es ist für ihn von großer Bedeutung, aus seinem kleinen Reich alle parteipolitischen Kämpfe, alle gegenseitige Verhetzung der Rassen und Konfessionen fernzuhalten. Er kann die Grundsätze der nationalsozialistischen Bewegung nicht akzeptieren. Kaum sind die Märzwahlen des Jahres 1933 vorbei, als zwei Tage später ein Trupp von SA-Leuten die Odenwaldschule stürmt und über zwei Stunden lang durch die Schule hetzt, um die Zimmer der Kameraden und Mitarbeiter nach kommunistischer Literatur zu durchsuchen.

Es folgen noch mehrere Hausdurchsuchungen und Buchverbrennungen, die oft gewalttätig ablaufen. Geheeb schreibt an seinen Freund Ferrière in der Schweiz und fragt, ob sie in die Schweiz kommen können. Freilich ist kein Schweizer Kanton bereit, ihn mit seiner Schule aufzunehmen, aber es eröffnet sich die Möglichkeit, in das Institut Monnier des Schweizer Pädagogen Willem Gunning einzutreten.

Paul Geheeb verläßt die Odenwaldschule am 31 März 1934 und Edith folgt ihm eine Woche später mit 25 Kameraden. Für ihn und alle seine Schüler, die in die Emigration gehen, ist während der Nazizeit nur ein Leben außerhalb Deutschlands denkbar, und je schlimmer die Zustände in Deutschland werden und je mehr man über die Greueltaten der Nazis erfährt, umso mehr bestätigt sich die Entscheidung für die Emigration als der richtige Weg. In Zürich 1934 hält Geheeb eine Rede, wo er seine Idee einer Schule der Menschheit darstellt.

2. Im selben Jahr wird Geheeb und seine Schüler im "Institut Monnier" bei Versoix ( Kanton Genf ) des Dr. Willem Gunning aufgenommen. Dennoch gibt es bald ökonomische Schwierigkeiten und persönliche Differenzen mit Gunning. Außerdem erschwert ein Streit mit dem Verband Schweizerischer Privatschulen die Lage der Schule. Viele Schweizer stehen dem Gedanken einer übernationalen Schule, d.h einer völkerverbindenden Erziehungsstätte skeptisch gegenüber. Schließlich trennt sich Geheeb von Gunning.

3. 1937 wird der Antrag in Corbeyrier sur Aigle ( Kanton Waadt ) eine "Ecole d'Humanité" zu errichten, von Elisabeth Huguenin, Tagore, Beatrice Ensor, Pierre Bovet, Hanselmann und Schohaus unterzeichnet und unterstützt. Doch er wird von den zuständigen Behörden unter massivem Druck der Privatschuldirektoren abgelehnt.

4. Die Gespräche mit den Neuenburger Behörden um den Bezug des Gebäudes der früheren "Clinique du Chanet" scheitern, weil der schweizerische Privatschulvorsteher Vuilleumier interventiert. Seiner Meinung nach könne Geheeb an einer schweizerischen und besonders an einer lateinischen Erziehung nicht mitwirken, da es ihm an gesundem Menschenverstand und Klarheit fehle und sein Temprament unmöglich sei. Die Gemeindeversammlung der Stadt Neuchâtel lehnt den Aufbau einer neuen Schule ab. Der deutsche Pädagoge wird als Nudist und Kommunist verleumdet. 1937, nach einem harten dreijährigem Ringen, wird die "Ecole d'Humanité" in Pont-Céard endlich eröffnet, nachdem Gunning das "Institut Monnier" freiwillig verlassen hat. A. Ferrière, Geheebs Freund, hält Lehrern, Lehrerinnen und rund sechzig Kindern aus vierzehn Nationen die Eröffnungsrede. Es ist offensichtlich, daß die "alte" Odenwaldschule den Aufbau und die pädagogischen Grundsätze der "Ecole" bestimmen. Überraschend wird aber der Zweijahresvertrag in Pont- Céard für Geheeb auf Beginn des Jahres 1939 gekündigt.

5. In dieser schwierigen Zeit überwintert die Schule mit den ihr verbliebenen dreißig Kindern in einem Gasthaus auf Einladung des gutmütigen Wirtes und in Ferrières benachbartem Chalet in "Les Pléiades" bei Blonay.

6. In April 1939 zieht die "Ecole d'Humanité" mit vierundzwanzig Schülerinnen und Schülern in das Schloß Greng bei Murten ein. Zunächst scheint es für alle die endgültige Lösung, d.h das Ende des Leidensweges, zu sein. Geheeb bekommt aber Schwierigkeiten mit seinem Co-Direktor, den er für einen schamlosen und gemeinen Menschen hält. Dieser läßt bei Kriegsausbruch Militär einquartieren. So ist natürlich aus Platzmangel Schulehalten unmöglich. Aufgrund der Intrigen und der polizeilichen Hausdurchsuchungen muß Geheeb mit seiner Schule aus dem Schloß am 26.10.1939 ausziehen.

7. + 8. Die Kriegszeit überlebt die Schule mit nur sieben Schülern und muß dabei finanzielle Probleme bewältigen. Anfänglich wohnen sie im Hotel du Lac am Schwarzsee ( Kanton Freiburg ) und dann im Naturfreundehaus "Aurore". Gegen Ende des Krieges stoßen Flüchtlingskinder zur kleinen Gruppe.

9. Ab 1945 befinden sich die Geheebs erneut auf der Suche in der ganzen Schweiz nach einer Bleibe für ihr Landerziehungsheim, das sich wieder vergrößert. Viele Enttäuschungen müssen dabei eingesteckt werden.

10. Schließlich zieht die Schule im Mai in Goldern/ Hasliberg ein. Beim Einzug finden die Kinder teilweise nicht heizbare Räume eines christlichen Erholungsheims vor. Auch wenn es das Ende des Umzuges ist, bestehen weiterhin schwerwiegende finanzielle Probleme.

3.2 Erziehung zum Frieden, Koedukation, Schülermitbestimmung und Demokratie, Internationalität

Die Odenwaldschule ist in ihrer pädagogischen Arbeit eine direkte Vorläuferin der "Ecole". In diesem Abschnitt stehen vier Aspekte im Vordergrund: Geheebs Erziehung zum Frieden, seine Einstellung zur Koedukation, seine Position in Sachen Schülermitbestimmung und Demokratie sowie seine Ansicht zur Internationalität der Odenwaldschule. Die Klärung dieser Begriffe ist sehr wichtig, da die tägliche Praxis der Haslisberger Schule von der Pädagogik der Odenwaldschule geprägt ist.

3.2.1 Die Erziehung zum Frieden:

Für Geheeb muß die Schule eine "Bildungsstätte im Sinne Goethes sein". Erziehung zur Menschlichkeit entfaltet sich nach 1934 zu einer Erziehung zur Menschheit. Geheeb ist überzeugt, daß die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit des Kindes innerhalb der Schranken des Familienkreises unmöglich sei. Dabei muß die Relevanz der Gemeinschaft für die Entwicklung des Menschen erkannt werden. Wir leben in einer Lebensgemeinschaft, in der wir alle durch eine Kultur verbunden sind. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht seine Mitmenschen, um existieren und sich entfalten zu können. "Gleichberechtigung, Brüderlichkeit und eine enge wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit der Menschheit ist Geheebs unerschütterliche Vision. Der Mikrokosmus seiner Schule sollte im wesentlichen diesem Makrokosmus entsprechen." (Grunder, Hans-Ulrich, Paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz, S. 387).

Das Wirken des Pädagogen und sein Friedensverständnis wird durch 2 Weltkriege bestimmt. Er kennt die schmerzvollen und schrecklichen Folgen des Krieges und seine Grausamkeit, so daß Erziehung zur Menschlichkeit sich ab 1945 zu einer Erziehung zur Menschheit wandelt. Aus diesem Grund sollen in der Schule der Menschheit möglichst alle Kulturen der Gegenwart vertreten sein. Es ist offensichtlich, daß die Realisierung dieser Vision nicht einfach ist, dennoch wird die Forderung nach einer internationalen Schülerschaft ernst genommen.

3.2.2 Koedukation: Gemeinschaftserziehung von Jungen und Mädchen

Bereits der große Denker Comenius erkannte, daß beiden Geschlechtern die Erziehung auf dieselbe Weise zuteil werden müsse. Auch Pestalozzi, Jean Paul und Fichte vertreten diese Meinung. Für Geheeb ist die Koedukation das höchste Ziel. "Deshalb ist ein Unterscheiden zwischen politischen und anthropologischen Grundlagen für ein gemeinsames Aufwachsen wenig sinnvoll".( Grunder, Hans-Ulrich, paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz, S.387 )

In der heutigen Zeit ist die Gemeinschaftserziehung von Jungen und Mädchen nichts Ungewöhnliches; sie ist selbstverständlich. Doch am Anfang dieses Jahrhunderts war die Forderung nach Koedukation für die &Öuml;ffentlichkeit irritierend.

Mit dieser Forderung ist eine Vorgabe für Erziehung und Bildung festgesetzt: Für Geheeb steht die Übernahme der Verantwortung für den anderen im Vordergrund. "Verantwortung- Übernehmen" bleibt nie auf ein Gegenüber beschränkt, sondern dehnt sich auf alle Mitglieder der Gesellschaft, hier insbesondere der "Familie" im Internat, aus. Man kann nur dann miteinander intim und persönlich umgehen, wenn die Beteiligten an verantwortliches Tun gewöhnt werden.

Vertrauen und Zuversicht wirkt sich sehr positiv auf das Zusammenleben in einer Gemeinschaft aus. Koedukation dient demnach als Hilfsmittel, die Kinder und Jugendlichen an gegenseitige Achtung voreinander, Verantwortung füreinander und Hilfsbereitschaft untereinander zu gewöhnen. Die Schüler sollen Respekt vor anderem Geschlecht entwickeln, d.h Vorurteile und Ängste abbauen lernen. Ferner ist die Herausarbeitung des Gerechtigkeitssinnes sehr wichtig. Die Beteiligten lernen, daß zwischenmenschliche Konflikte nicht mit Gewalt gelöst werden sollten, sondern daß es auch immer friedliche Lösungen gibt, die dem Zusammenleben nicht schaden. Auf diese Weise werden Konflikte nicht negativ gesehen. Viele Schülerinnen sind von der Koedukation in der Odenwaldschule begeistert, denn das Zusammenleben mit Jungen wird als selbstverständlich und unbefangen angesehen, da keine Unterschiede gemacht werden.

3.2.3 Schülermitbestimmung und Demokratie

Geheeb fordert von sich, seinen Schülerinnen und Schülern, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter demokratisch zu leben, d.h alle haben gleiche Rechte und Pflichten. Für die Verwirklichung der Demokratie wird die "Schulgemeinde" gebildet. Denn die Odenwaldschule benötigt eine Institution, in der Auseinandersetzungen um alle Fragen des Zusammenlebens geklärt, Diskussionen geführt und Entscheidungen getroffen werden. Zwei- bis dreimal monatlich versammeln sich alle Mitglieder der Schule in der Schulgemeinde, deren Vorsitzender halbjährlich aus der Schülerschaft gewählt wird. Alles geht nach demokratischem Prinzip, da jedes Mitglied eine Stimme besitzt und niemand irgendein Vorrecht genießt. Diese Institution verfaßt Gesetze der Odenwaldschule und sorgt für deren Einhaltung. Es gibt weder Parteien noch Sonderinteressen, denn hier herrscht gegenseitiges Vertrauen und das Streben, den anderen zu verstehen und ihm zu helfen. Jedes Problem wird ernst genommen und die Schulgemeinde erlaubt es, jedem vor allen zu sprechen und sein Problem zur Diskussion zu stellen.

3.2.4 Internationalität

Demokratischer leben ist für Geheeb gleichbedeutend mit einer internationalen Schüler- und Lehrerschaft. In der damaligen Zeit erscheint die Idee einer Schule der Menschheit unzeitgemäß und utopisch, doch gerade darin sieht Geheeb die Notwendigkeit einer solchen Schule. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen ermöglicht den fruchtbaren Austausch. Vorurteile werden abgebaut und die Schülerinnen und Schüler können ihre eigene Kultur aus einem anderen Sichtwinkel betrachten. Auf diese Weise wird sie nicht über andere Kulturen gestellt.

In der Nazizeit hat diese Schule viel für Kinder Verfolgter, Getöteter und Vertriebener geleistet.

3.3 Die "Ecole d'Humanité" heute: eine enorm politische Schule

Zahlreiche Merkmale der Konzeption Geheebs sind bis heute an der Ecole d'Humanité in Goldern auffindbar. Armin und Natalie Lüthi-Peterson, Schulleiter der Ecole, halten sehr viel von Geheebs Konzetion und wollen seine pädagogische Arbeit weiterführen.

Die Ecole d'Humanité ist vom Staat Bern anerkannt und hat die Rechtsform einer gemeinnützigen Gesellschaft. Die Schule unterliegt dem Lehrplan dieses Staates, wird aber nicht subventioniert. Rund 150 Kinder und Jugendliche werden in sechs Häusern und zahlreichen Nebengebäuden beherbergt und von mehr als fünfzig Mitarbeitern ( eine internationale "Mischung" ) unterrichtet. Etwa 45% der Schülerinnen und Schüler sind Schweizer, 15% sind Deutsche, 25% sind Englischsprechende, und der Rest verteilt sich über viele Nationen.

Die Ecole bietet heute zwei Schulsysteme an:

  1. deutschsprachiges Schulsystem: Primarschule bis zum Schulabschluß oder zur Berufslehre und Maturität

  2. englischsprachiges Schulsystem: Von der 1. Klasse bis zum Highschoolabschluß

In einem Prospekt mit dem Titel "Ecole d'Humanité" wird das umspannende Ziel der "Ecole" beschrieben:

"Wir versuchen, unsere Schüler mit den Reichtümern der Kulturen in lebendige Beziehung zu bringen, Interesse an den großen Problemen unserer Zeit zu wecken und die Kinder vor oberflächlichen Ablenkungen zu bewahren. Wir bejahen und fördern die eigene Aktivität und wir ermutigen die Schüler zu verantwortlichem Mitgestalten des Schullebens."

Die Eltern der Kinder bezahlen ein Grundschulgeld von Fr. 15500.-, ergänzt um einen Beitrag, der auf der Selbsteinschätzung ihrer finanziellen Lage beruht. Pro Jahr kommen eine Wäschepauschale (Fr. 250.- bis Fr. 400.-), die Unfallversicherung (Fr. 156.-), die Krankenversicherung /ca. Fr. 200.) und ein Heizkostenzuschlag (bis Fr. 450.-) dazu. Diese Beiträge erlauben ein Lehrer- Schülerverhältnis von 1 zu 5 und bewirken eine immer leicht defizitäre Lage der "Ecole". Aktionen, Werbung zusätzlicher Genossenschaft und Patenschaften für Kinder lindern die ökonomische Spannung ein wenig.

Die ursprüngliche Haltung der "lebensreformenschen" Landerziehungsheime ist noch deutlich vorhanden. Rauchen und Alkoholgenuß sind verboten, das Benutzen eigener Fernsehapparate, Plattenspieler oder Kassettengeräte in den Schülerzimmern ebenso. Die Basis aller in Goldern geleisteten Arbeit bildet die Idee von Vertrauen und Verantwortung. Die Mitarbeiter sollen begleiten, nie strafen, allenfalls Konsequenzen aufzeigen, nicht tote Leistung, sondern lebendige Leistungsfreude inspirieren, denn Wachstum ist die Grundidee der Ecole d'Humanité. Diese Institution kritisiert und distanziert sich von dem 45-Minuten-Takt und einem für alle verbindlichen Stoffplan. Von den herkömmlichen Internaten einerseits, von den staatlichen Institutionen andererseits unterscheidet sich die Ecole d'Humanité durch ein durchgängig angewandtes Kurssystem, ihren individualisierten Lehrplan, durch ihre Internationalität und letzlich auch in der Lebensform der "Familie".

3.3.1 Das Kurssystem

Das Schularbeitsjahr ist, außer den Ferien, in fünf- bis sechswöchige Schulabschnitte eingeteilt. Das Programm wird für jeden Schüler und jeden Mitarbeiter in diesem Zeitabschnitt individuell eingeteilt und innerhalb dieser Kursperiode selben verändert. Vor der Kursperiode geben die Mitarbeiter ihre jeweiligen Interessen und Fähigkeiten bekannt, und die Kameraden haben freie Studienwahl und äußern einige Lernwünsche. In der Auswahl der Kurse ist der Schüler nicht ganz frei, da der staatliche Lehrplan eingehalten werden muß. Hat er oder sie einen Kurs mit ungenügendem Erfolg besucht, muß er nur diesen, nicht aber etwa ein ganzes Jahr wiederholen.

3.3.2 Individualisierender Lehrplan

Am Ende jeder Kursperiode blickt das Kind auf die geleistete Arbeit zurück. In der Ecole gibt es keine Noten, sondern nur Berichte. Die Schüler haben "olivengrüne Hefte", in die sie ihre Selbstbewertung eintragen, die Mitarbeiter "blaue Hefte", in die sie ihre Beobachtungen und Beurteilungen notieren. Die blauen Hefte helfen den Schulleitern in ihren Besprechungen mit den Eltern. Die olivengrünen Hefte können von den Schülern freiwillig ihren Lehrern gezeigt werden. Am Vormittag gibt es jeweils drei lange akademische Unterrichtsstunden, am Nachmittag Zeiteinheiten, die für Kunst, Musik, Sport, Handwerk, Naturleben vorgesehen sind. Es gibt Skitage, Wandertage und Wanderwochen. Lehrer und Schüler sollen von der Natur lernen, in der Natur leben, selbständig werden und tolerant sein für die Unterschiedlichkeit der Menschen. Sie sollen sich nicht bedienen lassen, sondern die alltäglichen Hausarbeiten selbst besorgen, miteinander aufräumen und Reparaturen machen. Das Schaffen einer möglichst angstfreien Atmosphäre und Selbsttätigkeit und Selbständigkeit.

3.3.3 Familiensystem

Jedes Kind gehört einer Familie an. Die Familie, besteht meistens aus zwei Familienhäuptern und sechs bis zwölf Kameraden, selbstverständlich Jungen und Mädchen gemeinsam. Die Kinder sind oft unterschiedlichen Alters und verschiedener Nationalität. Dazwischen kam es zu kurzen, unbefriedigenden Versuchen, Jugendliche ohne Erwachsene im selben Haus wohnen zu lassen.

Es ist offensichtlich, daß dieses pädagogische Konzept, das viele Vorurteile aufweist, nicht ohne interne Reibungen, Konflikte und Probleme realisiert werden kann. Aber das Lösen dieser Schwierigkeiten wird in der Ecole dem Unterdrücken und Verdrängen vorgezogen.

École d'Humanité
& TZI


HP: École d'Humanité


Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Modell der Themenzentrierten Interaktion

2.1 Anliegen der Themenzentrierten Interaktion

2.2 Methodik
2.2.1 Das Prinzip der dynamischen Balance
2.2.2 Das Ich
2.2.3 Das Wir
2.2.4 Das Es
2.2.5 Der Globe

2.3 TZI- Axiome
2.3.1 Existentiell- anthropologisches Axiom
2.3.2 Ethisch- soziales Axiom
2.3.3 Pragmatisch- politisches Axiom

2.4 Die Postulate
2.4.1 Das erste Postulat
2.4.2 Das zweite Postulat

3. Paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz

3.1 Von der Odenwaldschule zur Ecole d'Humanité

3.2 Erziehung zum Frieden. Koedukation, Schülermitbestimmung und Demokratie, Internationalität
3.2.1 Die Erziehung zum Frieden
3.2.2 Koedukation
3.2.3 Schülermitbestimmung und Demokratie
3.2.4 Internationalität

3.3 Die Ecole d'Humanité heute- eine enorm politische Schule
3.3.1 Das Kurssystem
3.3.2 Individualisierender Lehrplan
3.3.3 Familiensystem

4. Ruth Cohns Arbeit in der Ecole d'Humanité

4.1 Die Entscheidung, in der Ecole d'Humanité zu arbeiten
4.2 Der erste Eindruck

4.3 Ruth Cohn TZI- Arbeit
4.3.1 Die Bearbeitung des Dachthemas: Tradition, Reformation in der Ecole
4.3.2 Die Veranstaltung eines Drei- Tage- Workshops
4.3.3 Ecole d'Humanité- eine TZI- Schule?
4.3.4 Armin Lüthi über Ruth Cohns Arbeit

5. Schlußwort

6. Literaturverzeichnis