WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
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2. Das Modell der Themenzentrierten Interaktion

2.1 Anliegen der Themenzentrierten Interaktion ( TZI )
TZI ist ein Gruppeninteraktionsmodell, das das Anliegen der einzelnen Personen, das Interesse der Gruppe und die gemeinsame Aufgabe, das Thema gleichwichtig nimmt und dabei die vielfältigen Einflüsse des Umfeldes mitberücksichtigt.

Die Tatsache, daß wir leben, gibt uns Wichtigkeit. Die Menschen sollen erkennen, daß sie einerseits autonom und andererseits voneinander abhängig sind. Denn nur wenn wir unsere Interdependenz verstehen und unsere Verantwortung im Zusammenleben bejahen, um so realitätsgerechter sind persönliches und gemeinschaftliches Leben. Diese Tatsache gilt auch für kleinste Gruppen wie Familien, Wohngemeinschaften und Teams. Es gilt aber auch für Großgruppen wie Völker, Rassen und Kulturen.

Ruth Cohn entwickelte dieses Modell, weil sie das Ziel verfolgte, daß Individualität und Gemeinschaftlichkeit als ebenbürtig angesehen werden, d.h daß die beiden Begriffe keine Gegensätze darstellen. Sie möchte, daß "jeder Mensch ganz "Ich" sagen lernt, weil er nur dann seine Erfüllung finden kann; und in jedem Ich ist bereits das Du und das Wir und die Welt enthalten". ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S.372 )

Der Mensch soll sich ganz auf seine Sinne, seinen Körper und Gefühle einlassen und so zur Welt kommen. Auf diese Weise kann er erleben, daß er um so autonomer ist, je mehr er der Interdependenz bewußt wird, und um so gemeinschaftlicher, je mehr er seine Eigenart pflegt. Die Menschen müssen sich solidarisch erklären, und nicht vor dem Leid der Menschheit resignieren, solange sie selbst noch autonome Kräfte in sich spüren.

2.2 Methodik

2.2.1 Das Prinzip der dynamischen Balance

Jede Gruppe ist durch vier Faktoren bestimmt:

  1. die Person ( Ich )
  2. die Gruppeninteraktion ( Wir )
  3. das Thema oder die Aufgabe ( Es )
  4. das Umfeld im engsten und weitesten Sinn ( Globe )
TZI geht davon aus, daß jede Person ( Ich ), die Interaktion der Gruppe ( Wir ) und die Arbeit an einer Aufgabe ( Es ) als gleichgewichtig angesehen werden sollen. Der Globe ist unsere nahe und ferne Umgebung, in der und durch die wir in Interaktion stehen. Symbolisch wird diese Konstellation als gleichseitiges Dreieck in einer transparenten Kugel dargestellt.

"Die Anerkennung und Förderung der Gleichgewichtigkeit der Ich- Wir- Es- Faktoren im Globe ist die Basis der TZI-Gruppenarbeit- und leitung ." ( Cohn, Ruth / Klein, Irene, Großgruppen gestalten mit Themenzentrierten Interaktion, S.134 )

Dynamisches Balancieren ist ein Kerngedanke der TZI und ein allgemeiner Lebensbegriff, die Notwendigkeit, Gegenpole im Leben einzubeziehen. Er ist eine Aufmerksamkeitshilfe, lebendiges Lernen und Lehren zu begünstigen.

2.2.2 Das Ich

Ich erkenne und erspüre mich subjektiv, d.h daß nur ich fähig bin, meine Vorstellungen, Gefühle und Gedanken für mich zu erleben und diese zu vertreten. Ich habe meine Erwartungen und Sehnsüchte und treffe deswegen eigenständig meine Entscheidungen. Die Person versteht, daß sie sich irren kann und ständig auf der Suche nach neuen Wegen ist. Dabei können ihr ihre Mitmenschen behilflich sein. Diese Tatsache führt zur Erkenntnis, daß der Mensch trotz seiner Autonomie ein Wesen ist, das von seinen Mitmenschen abhängt. Ich muß akzeptieren, daß jeder Mensch anders ist und sein muß in der Vielfältigkeit seiner Ergebnisse und Fähigkeiten. Es ist wichtig, daß ich meinen Nächsten wie mich selbst liebe, denn ich bin wie er.

2.2.3 Das Wir

"Das Wir ist kein psycho-biologischer Oranismus wie das Ich, sondern eine Gestalt, die durch die jeweiligen Ichs in deren Interaktion entsteht". ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S.353 ). Wir sind wichtig als die "Ichs" aller Personen einer Gruppe in Interaktion.

Das Wir verbindet alle Gruppenmitglieder in ihrer am Es orientierten Interaktion. Dabei sollen die Gruppenmitglieder auf keinen Fall auf ihre Individualität verzichten und sie aufgeben. Sie möchten gemeinsam eine Lösung finden. Sowohl Selbstaufopferung als auch Selbsterfüllung sind falsche Wege. Jeder muß seine Erwartungen, Interessen ind Einsichten vertreten, dabei aber auch die Meinung und die Wünsche der anderen akzeptieren. Auf diese Weise gewinnt das Wir an Tiefe.

2.2.4 Das Es

"Es" ist wichtig als das zu bewältigende Thema oder Aspekt der Welt von Dingen und Geschehnissen, um die sich eine Gruppe zentriert. Wenn das Thema alle Gruppenmitglieder interessiert und ernst behandelt wird, so besteht eine optimale Arbeitssituation. Denn volles emotionales Einbezogensein schlägt sich im Arbeitsgeist und in kreativer und kooperativer Aktion nieder.

Natürlich bedarf jedes Thema einer spannenden Einführung, denn die meisten Menschen werden durch bloße Aufgabenstellung nicht hinreichend angeregt. Eine Einleitung soll die Aufmerksamkeit und Gefühlslage auf das Thema hinleiten. Dies kann durch visuelle Vorstellungen, "geführtes Schweigen" oder durch Aufforderung, an eigene Erfahrungen zu denken, die mit dem Thema in Verbindung stehen, geschehen. Danach kann das Thema in Unterthemen aufgeteilt und so in kleinen Diskussions-, Aktivitäts- oder Studiengruppen behandelt werden. Es soll nicht so eng gefaßt sein, daß es zu wenig Raum für Assoziationen läßt und nicht so weit, daß es ins Grenzenlose führt.

2.2.5 Der Globe

Zum Globe gehören die Menschen und Geschehnisse außerhalb der Hier- und Jetzt- Gruppe. Diese Umgebung besteht aus Zeit, Ort und deren historischen, sozialen und teleologischen Gegebenheiten. Diese Außenwelt ist in ihrem Außensein auch immer in der Gruppe wirksam. "Der Globe weitet sich zum Kosmos aus; denn alles hängt mit allem und allen zusammen, wann und wo es auch geschah, geschieht und geschehen wird." ( Cohn, Ruth, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, S. 355 ). Bevor die Gruppe zum ersten Mal zusammentrifft, muß sich der Gruppenleiter mit der "Kugel"- den Gegebenheiten der äußeren Situation- befassen.

Die Annahme, daß es ausreichend ist, wenn man lediglich die Ich- Wir- und Es- Faktoren beachtet, ist falsch und sinnlos. Denn Ruth Cohn ist überzeugt, daß die Einwirkungen des Globes auf uns und unsere Einwirkung auf ihn sehr wichtig sind. Wer den Globe nicht kennt, den frißt er. Die Zusammensetzung der Gruppenmitglieder (soziale Schicht, Geschlecht, Alter, Bildung usw.) kann z.B. die Gruppeninteraktion beeinflussen. Ein weiteres Beispiel wäre der Fall, was passieren kann, wenn man die ökonomische, politische, soziale, gesellschaftliche Landkarte einer Schule oder eines Betriebes nicht genügend untersucht. Entscheidungen werden gefällt, die eher schädlich als sinnvoll sind. Diese Beispiele zeigen deutlich, welchen Stellenwert der Globe in der Interaktion einnimmt.

2.3 TZI- Axiome

TZI beruht auf humanistisch- holistischen Grundsätzen. Die TZI- Axiome sind der Boden, auf dem die TZI- Methodik verstanden werden muß. Ohne diese Axiome verliert TZI ihre Wirkung.

2.3.1 Existentiell- anthropologisches Axiom

Der Mensch ist eine psycho- biologische Einheit und ein Teil des Universums.

Deswegen ist er gleicherweise autonom und interdependent. Es ist wichtig, daß er sich seiner Interdependenz bewußt wird, denn auf diese Weise ist er um so autonomer.

2.3.2 Ethisch- soziales Axiom

Erfurcht gebührt allem Lebendigem und seinem Wachstum.

Respekt vor dem Wachstum ist sehr wichtig und soll unsere Entscheidungen beeinflussen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist weltbedrohend.

Ausführung: Wenn ich keine Tiere quäle und meine Mitmenschen respektiere, so handle ich human.

2.3.3 Pragmatisch- politisches Axiom

Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen; Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.

Es ist offensichtlich, daß der Entscheidungsraum einer Person groß ist, wenn sie gesund, intelligent, materiell gesichert und geistig gereift ist. Menschen, die sich in einer unglücklichen Lebenssituation befinden, z.B. Krieg, Gefangenschaft, Armut, haben diese Entscheidungsfreiheit leider nicht oder nicht in außreichendem Maße.

Die drei Axiome sind untrennbar miteinander verbunden. Aus der Klärung grundlegender existenzieller Phänomene und Axiome ergeben sich die existentiellen Postulate der TZI. Das Postulat ist eine unbedingte Forderung.

2.4 Die Postulate

2.4.1 Das erste Postulat

1. Sei dein eigener Chairman/ Chairwoman, sei die Chairperson.

Um dieses Postulat verstehen zu können, sollte zunächst der Begriff "die Chairperson" geklärt werden. Dieser Begriff war im damaligen amerikanischen Sprachbrauch eindeutig bestimmt: "Sei dein eigener Chairman" war eine unmittelbar einleuchtende Aufforderung. Heute hat "Chairman" nicht denselben traditionell bekannten Klang. Dennoch hält Ruth Cohn diese Bezeichnung günstiger und passender als eine deutsche Übersetzung wie etwa "Sei dein(e) eigene(r) Führer(in), dein(e) eigene(r) Leiter(in), Vorsteher(in), Steuermann oder Steuerfrau."

Ruth Cohn erwartet, daß jeder Einzelne seiner inneren Gegebenheit und seiner Umwelt bewußt ist, d.h seine körperliche Verfassung, die Gefühlswelt, Urteile, Wertungen, Ansichten wahrnimmt. Will er eine Entscheidung treffen, so kann diese von verschiedenen Faktoren bestimmt werden, d.h nicht nur der Verstand, sondern auch die Gefühlswelt spielen eine bedeutende Rolle.

Im Gruppengeschehen bedeutet diese Aussage, daß man sich die anderen Gruppenteilnehmer und vor allem die Aufgabe, das Thema, ernst nimmt. Jeder ist für seine Anteilnahme und Handlungen verantwortlich und respektiert die Tatsache, daß die anderen ihre eigene Meinung, Ansichten besitzen. Wichtig ist, daß jeder Teilnehmer nur seine eigene Chairperson und nie die des anderen ist.

2.4.2 Das zweite Postulat

Störungen und Betroffenheiten haben Vorrang.

Gefühle, Schmerzen, Angst, Verstörtheiten kann der Mensch nicht unterdrücken. Sie sind einfach vorhanden und bestimmen zweifellos die Vorgänge in einem bestimmten Raum. Es wäre sinnlos und falsch, diese Störungen zu ignorieren oder zu verschweigen.

"Das Postulat, das Störungen und leidenschaftliche Gefühle den Vorrang haben, bedeutet, daß wir die Wirklichkeit des Menschen anerkennen; und diese enthält die Tatsache, daß unsere lebendigen, gefühlsbewegten Körper und Seelen Träger unserer Gedanken und Handlungen sind." ( Cohn, Ruth, Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion, S.123).

Der Umgang mit Störungen gehört zur Lebens- und Gruppenkunst. Ruth Cohn schlägt vor, diese Störung, die innere Unruhe zu akzeptieren, dann in sich zu schauen und sich zu entscheiden, ob man es den anderen erzählen will.

Manchmal muß man Störungen abwägen und Prioritäten setzen. Gruppen können lernen, über Prioritäten gemeinsam und realitätsgerecht zu entscheiden, wenn das Störungspostulat als effizient und menschlich wichtig anerkannt worden ist. Denn es gibt eine Hierarchie von Störungen. So kann man sagen, daß persönliche Störungen oft zuerst anzugehen sind.

Zusammenfassend kann behauptet werden, daß das Störungspostulat ein wesentlicher pädagogischer und politischer Wegweiser ist. Oft haben wir fälschlich gelernt, daß das, was stört, beiseite zuschieben ist. Alle Störungen, auch auf nationaler und internationaler Ebene sollen beachtet werden, denn nur so kann man eine zufriedenstellende Lösung finden.

École d'Humanité
& TZI


HP: École d'Humanité


Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Modell der Themenzentrierten Interaktion

2.1 Anliegen der Themenzentrierten Interaktion

2.2 Methodik
2.2.1 Das Prinzip der dynamischen Balance
2.2.2 Das Ich
2.2.3 Das Wir
2.2.4 Das Es
2.2.5 Der Globe

2.3 TZI- Axiome
2.3.1 Existentiell- anthropologisches Axiom
2.3.2 Ethisch- soziales Axiom
2.3.3 Pragmatisch- politisches Axiom

2.4 Die Postulate
2.4.1 Das erste Postulat
2.4.2 Das zweite Postulat

3. Paul Geheeb und die Ecole d'Humanité in der Schweiz

3.1 Von der Odenwaldschule zur Ecole d'Humanité

3.2 Erziehung zum Frieden. Koedukation, Schülermitbestimmung und Demokratie, Internationalität
3.2.1 Die Erziehung zum Frieden
3.2.2 Koedukation
3.2.3 Schülermitbestimmung und Demokratie
3.2.4 Internationalität

3.3 Die Ecole d'Humanité heute- eine enorm politische Schule
3.3.1 Das Kurssystem
3.3.2 Individualisierender Lehrplan
3.3.3 Familiensystem

4. Ruth Cohns Arbeit in der Ecole d'Humanité

4.1 Die Entscheidung, in der Ecole d'Humanité zu arbeiten
4.2 Der erste Eindruck

4.3 Ruth Cohn TZI- Arbeit
4.3.1 Die Bearbeitung des Dachthemas: Tradition, Reformation in der Ecole
4.3.2 Die Veranstaltung eines Drei- Tage- Workshops
4.3.3 Ecole d'Humanité- eine TZI- Schule?
4.3.4 Armin Lüthi über Ruth Cohns Arbeit

5. Schlußwort

6. Literaturverzeichnis