WEE-WEF : Weltbund für Erneuerung der Erziehung - World Education Fellowship
Wir sind umgezogen! Die neue Seite erreichen Sie unter: http://wef-wee.net/de/index.php
Diese Homepage wird nicht mehr gepflegt.
Bitte erneuern Sie ihre Bookmarks.



    3. Die Geschichte und Konzeption des Birklehofs

3.1 Der Birklehof von 1932 - 1945
3.1.1 Aufnahmekriterien für Schüler
3.1.2 Schülerschaft
3.1.3 Lehrer Erzieher
3.1.4 Pädagogisch-didaktische Grundkonzeption und Schulalltag
3.1.5 Schulregeln
3.1.6 Unterricht und Sport
3.1.7 Musik und Veranstaltungen
3.2 Der Birklehof im zweiten Weltkrieg und nach 1945
3.3 Der Birklehof von 1945 bis heute

Die Geschichte des Birklehofs werde ich hier in unterschiedlicher Intensität vorstellen. Die Gründungszeit der Schule und das damalige Konzept des Birklehofs werden genauer beschrieben, um im Folgendem das frühere Konzept mit dem aktuellen Konzept vergleichen zu können.
Die Gründerzeit des Birklehofs und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg werden intensiver behandelt, der Zeitraum ab 1960 wird weniger behandelt, da eine Beschreibung der gesamten Veränderungen an der Schule an dieser Stelle nicht angebracht wäre.
Die einzelnen Epochen werden hauptsächlich auf die pädagogischen Veränderungen hin bearbeitet, da eine Untersuchung hinsichtlich des Gründerkonzepts und des aktuellen Birklehofs durchgeführt werden soll.
Für einen Außenstehenden könnte der Eindruck entstehen, dass hier, wenn vom Birklehof gesprochen wird, ein einzelnes Gebäude gemeint ist, doch das gesamte Gelände, auf das das Internat verteilt ist, wird so genannt.

Bisher wurde vom Birklehof gesprochen, doch am Anfang des 17. Jahrhunderts wurde dieser noch „Birklishof“ genannt.28 Der ehemalige „Birklishof“ bekam dann den Namen Birklehof und wird heute „Altbirkle“ genannt.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Birklehof in seiner ursprünglichen, landwirtschaftlichen Funktion genutzt, z. B. wurde eine Wechselstation für Pferde angeboten.
Als Hans Dr. Wendelstadt das Anwesen um 1920 kaufte, veränderte sich die Geschichte des Birklehofs. Er ließ 1922 das heutige Haupthaus bauen.29
„Erst der Umstand, dass Wendelstadt durch wirtschaftliche Turbulenzen seines Unternehmens in finanzielle Bedrängnis geriet, bildete die Grundlage für eine spätere Schule Birklehof. Denn er sah sich nun gezwungen, den Birklehof zu verpachten.“30

zum Seitenanfang

3.1 Der Birklehof von1932 bis 1945

Zur Erstellung des folgenden Kapitels wurde die Arbeit von Stefan Würthle herangezogen. Er hat sich mit dem Birklehof in der nationalsozialistischen Zeit befasst und die erste wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte am Birklehof durchgeführt.

Der Birklehof wurde von Kurt Hahn 1932 als Zweigstelle von Salem angemietet, da im Bodenseeraum die Kinderlähmung kursierte und sichergestellt werden musste, dass die Salemer Schüler in Sicherheit gebracht werden konnten. So wurde der Birklehof als „fünfte Salemer Zweigschule“ gegründet. Es wurden 18 Schüler und zwei Lehrer auf die Reise in den Schwarzwald geschickt.
Bereits 1931 hatte Hahn Briefkontakt zum künftigen Schulleiter Prof. Dr. Mittelstraß; es gab einige Differenzen die Finanzen betreffend. Kurt Hahn erschienen diese als weniger problematisch; für ihn spielten die Leitlinien eine weitaus größere Rolle als die Finanzen.31 Mittelstraß beklagte sich über die wirtschaftliche Situation, worauf er folgende Antwort von Hahn erhielt:

„...Unsere Aussprache führt nicht die von mir gewünschte Klärung herbei. Ich hatte gehofft, die folgende Einstellung bei ihnen zu finden:

  1. Ich will mit Zuversicht und Treu auf dem Salemer Fundament bauen.
  2. Ich habe manche Kritik an Salemer Vorurteilen und liebgewordenen Missständen zu üben.
  3. Mein Ziel wird sein: Auf dem Birklehof Wege der Abhilfe auszuprobieren, d.h. mitzuwirken an der Veredelung des Systems.
  4. Darüber hinaus wird das Leben auf dem Birklehof einen eigenen Charakter tragen, der bestimmt wird durch Landschaft, die Unternehmungen des Winters, die besonderen Lebenserfahrungen des Leiters.
Anstatt dessen spürte ich in unserem Gespräch den folgenden Gedankengang: Ich möchte aus dem Birklehof etwas machen, das ausgesprochen nicht Salem ist.
Nun mein Standpunkt: für mich ist die Gründng des Birklehofs der zweite Schritt auf dem Weg zum Ziel: das Salemer System der Charakterbildung, unabhängig von meiner Person, zu erproben und auf die öffentlichen Schulen zu übertragen[...]“
32

Hier werden die Grundideen, die Kurt Hahn am Birklehof verwirklichen wollte, deutlich. Um die Schule eröffnen zu können, verlangten die Behörden noch „[...]eines detaillierten Lageplans und Aufrisses der Baulichkeiten sowie ein Verzeichnis der Lehrkräfte und eine Angabe darüber, nach welchem Lehrplan die Schüler unterrichtet werden sollen. Frist 10 Tage.“33
Der Birklehof als Schule war gegründet: Prof. Dr. Gustav Mittelstraß als Schulleiter, Pädagogen waren zum Teil von Salem beurlaubt oder neu eingestellt.
1933 wurde Kurt Hahn kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten festgenommen: fünf Tage später wurde er wieder aus der Haft entlassen und hoffte darauf, sein Amt als Schulleiter in Salem wieder aufnehmen zu können. Doch die Verantwortlichen wendeten sich von Hahn ab, da sie in Zukunft alles tun wollten, um eine Erziehung ganz im Stil des „neuen Deutschlands“ zu gewährleisten.
Diese Veränderungen an der Mutterschule des Birklehofs hatten folglich auch Auswirkungen auf den Birklehof. So wurde der Schuleiter Mittelstraß nach Salem gerufen, um die Nachfolge Hahns, der nach England emigriert war, anzutreten. Das Amt von Mittelstraß sollte nun „[...] auf Vorschlag von Kurt Hahn der Altphilologe Dr. Wilhelm Kuchenmüller, der bereits zehn Jahre in Salem tätig gewesen war und zuletzt die Salemer Zweigschule Hohenfels geleitet hatte [...]“34 übernehmen.

Kuchenmüller, der bekannt war als Anhänger der Nationalsozialisten, wurde trotzdem von dem Juden Kurt Hahn eingstellt. Als Hahn festgenommen wurde, setzte sich Kuchenmüller bei den entsprechenden Stellen für Hahns Freilasung ein; dies gelang auch; allerdings ist nicht zurück zu verfolgen, ob der Haftentlassung auf Kuchenmüllers Handeln hin erfolgte oder aus anderen Gründen.
Kuchenmüllers ehemaliger Schüler Golo Mann beschreibt seinen ehemaligen Lehrer in seinem Buch „Eine Jugend in Deutschland“: „Er war ein Nazi, als es ihm nur Nachteile brachte, einer zu sein. Und als es ihmVorteile gebracht hätte, seit 1933, war er keiner mehr und beschützte im Schwarzwälder Landerziehungsheim, das er leitete, junge Juden oder Halbjuden, solange er irgend durfte. Eine solche Haltung mag wundernehmen, verachten kann ich sie nicht.“35
Durch den besonderen Einsatz Hahn gegenüber und wegen negativen Äußerungen dem Regime gegenüber wurde Kuchenmüller im Juni 1933 aus der NSDAP ausgeschlossen.
Zur selben Zeit machte das Landerziehungsheim Salem eine schwere Krise durch, eine ganze Klasse und auch Pädagogen wurden in den Schwarzwald geschickt.36
Die Zahl der Schüler war 1935 auf ca. 100 interne Schüler angestiegen, bis 1945 sollten es 150 Interne werden; dies machte einen Ausbau der Schule notwendig. Nun war es auch möglich, neben dem Realschulabschluss auch das Abitur am Birklehof zu erlangen. Die Prüfungen selber wurden allerdings nicht am Birklehof durchgeführt sondern am Freiburger Friedrichgymnasium. „Nach Ostern 1937 fand am Birklehof das erste Mal die Abiturprüfung statt.“37 Das NS-Regime schaffte das dreizehnte Schuljahr ab, um die Schüler früher in den Militärdienst rufen zu können, was auch immer häufiger in die Tat umgesetzt wurde.
1935 wurde der Schulverein Birklehof gegründet, der es sich zum Ziel gemacht hatte, das Fortbestehen in der schlechten wirtschaftlichen Lage zu gewährleisten. Der Erfahrung und dem Sachverstand des Geschäftsführers Wendelstadt ist es zu verdanken, dass der Birklehof trotz der anhaltenden Existenzsorgen bis 1945 nicht geschlossen werden musste.

zum Seitenanfang

3.1.1 Aufnahmekriterien für Schüler

Die Eltern der Schüler stellten einen Antrag an die Schulleitung; wurde dieser bewilligt, folgte eine Probephase von vier Monaten. Danach entschieden Lehrer und Schulleitung, ob der Schüler aufgenommen werden sollte.
Der Birklehof war in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre stark frequentiert, und weit über die Hälfte der Anfragen mussten aus Platzmangel abgelehnt werden. Der Birklehof hatte schon damals, anders als staatliche Schulen, keinen Einzugsbereich, aus dem sich die Schüler rekrutierten, sondern hatte die Möglichkeit, die Schüler selbst auszuwählen. Hierbei spielten weniger die finanziellen Möglichkeiten der Eltern eine Rolle; das Profil des einzelnen Schülers war schon damals ausschlaggebend für eine Aufnahme am Birklehof. Die Noten der Schüler waren ein weiterer Punkt, der bei Vergabe der Plätze mitspielte, doch wurden die außerunterrichtlichen Fähigkeiten des Individuums schon damals mit einbezogen. Schon zu dieser Zeit gab es „[...] Anfragen aus Frankreich, Spanien, Ost-Afrika, Schweiz, Italien, den USA und weiteren Ländern.“38
Der finanzielle Aspekt wurde sehr liberal gehalten: Die Eltern setzten einen Betrag fest, den sie für den Besuch ihres Kindes aufbringen konnten. Besser verdienende Eltern wurden darum gebeten, die Stipendiaten zu unterstützen.
Das Schulgeld belief sich nach diesen Kriterien im Jahr von 2.040.- RM bis auf 3.600.- RM.39
Diese Art der Schulpolitik wurde nicht nur am Birklehof, sondern auch an der Gründerschule Salem betrieben.

zum Seitenanfang

3.1.2 Schülerschaft

Die Schüler hatten nicht nur Verantwortung gegenüber sich selbst und ihrem Handeln, sondern auch für das Geschehen und Zusammenleben an der Schule. Jeder Schüler hatte ein Amt, das er sich verdient hatte. So war es für die Schüler eine Ehre, wenn sie mit einer besonderen Kleidung dem „Schulanzug“40 geehrt wurden. Mit diesem Schulanzug war für die gesammte Schülerschaft und auch für die Pädagogen ersichtlich, dass dieser Schüler sich auf ganzer Linie den Schulregeln entsprechend verhielt. Dies war ein sehr geschicktes Instrument der Belohnung und Anerkennung, was bei Fehlverhalten auch wieder rückgängig gemacht werden konnte. Diese Schüler hatten „[...]bis auf die Notengebung – über fast alles diskutieren und Beschluss fassen[...]“41 können. Kuchenmüller hatte durch die Vergabe der Schulanzüge die Möglichkeit zu regulieren, wer in diesen auserwählten Kreis kam.
Auch diese Methode entspricht dem Konzept von Hahn, wie er es in Salem praktiziert hat. „Es gibt zwei Methoden, Jugendliche zu führen. Entweder kann man ihnen durch Misstrauen Fesseln anlegen oder sie durch Vertrauen binden. Ich bin überzeugt, dass ein munterer Junge die erstgenannte Methode jederzeit zunichte machen kann. Ich selbst glaube an die andere Methode [...] – aber nur unter der Bedingung, dass man sie durch täglichen Anreiz zur Selbstkontrolle verstärkt. Der Trainingsplan bewirkt das.42
Eine „Schülerselbstkontrolle“ wurde mit dem allabendlichen Eintragen in einen „Trainingsplan“ durchgeführt; hier wurden Situationen aus allen Bereichen43 des täglichen Lebens an der Schule beschrieben, in denen sich die Schüler selbst einschätzen sollten. Von Zeit zu Zeit wurde der Trainingsplan von einem Lehrer überprüft. Anhand dieser Überprüfung der Überprüfung konnte festgemacht werden, ob sich der Schüler eine Anerkennung verdient hatte.
In Anbetracht der diktatorisch-autoritären Umwelt der Schule war es besonders bemerkenswert und außergewöhnlich, wie viel Mitverantwortung den Schülern am Birklehof schon damals übertragen wurde.

zum Seitenanfang

3.1.3 Lehrer Erzieher

Die meisten Lehrer lebten auf dem Schulgelände, in den Internatshäusern, mit den Schülern zusammen unter einem Dach.
Die Lehrer hatten nicht nur im Unterricht ihren pädagogischen Auftrag zu erfüllen; man lebte mit den Schülern zusammen. Egal, ob es darum ging die Schüler zu wecken, gemeinsam zu essen, Sport zu treiben, Aufgaben zu überprüfen oder Spaß zu haben, die Lehrer waren zu jeder Tageszeit gefordert. Hieraus ergab sich eine unterschiedliche Lehrer-Schülerbeziehung, vergleicht man die Situation mit einer staatlichen Schule.
Der Lehrer war Elternersatz, Erzieher, Lehrer, Freizeitgestalter und im besten Falle auch Freund.44
Eine wichtige Rolle im Zusammenleben an der Schule spielte auch das Mentorat. Ein Mentor war der Lehrer, den sich ein Schüler als Vertrauensperson ausgewählt hatte.
Die Aufgaben des Mentors waren unter anderem: dem Schüler schützend zur Seite zu stehen, ihn zu vertreten, den Schüler auf Schwächen oder besondere Fähigkeiten hinzuweisen und Probleme mit ihm zu besprechen.

zum Seitenanfang

3.1.4 Pädagogisch-didaktische Grundkonzeption und Schulalltag

„Da ist zunächst einmal, ganz äußerlich gesehen, die Tatsache, dass er [... der Birklehof...] kein humanistisches Gymnasium war. Ja, dass es überhaupt keinen einheitlichen Schultyp gab. Schon als die Schule nur wenig über 30 Schüler hatte, gab es fast in jeder Klasse Humanisten, Realisten, Realgymnasiasten verschiedener Prägung, Reformrealgymnasiasten usw.“45
Bei der Lehrerschaft am Birklehof sah es ähnlich aus; es spielte keine übergeordnete Rolle, ob man Volksschullehrer oder promovierter Akademiker war. Es kam darauf an, dass man flexibel, spontan war und ein Talent zum Improvisieren mit an den Birklehof brachte.
Auffallend war, dass an der Schule außer dem Leiter Kuchenmüller fast nur Lehrer unter dreißig Jahren beschäftigt waren. Dadurch entstand eine familiäre, freundschaftliche Beziehung zwischen Schülern und Lehrern. Kuchenmüller forderte seine jungen Kollegen sehr, er mutete ihnen Aufgaben zu, die niemand hätte erfüllen wollen, hätte er seinen Beruf nicht als Berufung gesehen.

Die Erziehung von Mädchen und Jungen, die Koedukation, an einer Schule war für diese Zeit nicht selbstverständlich. An staatlichen Schulen hatte sich die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen noch nicht durchgesetzt, und das Birklehofer Modell war nicht unumstritten. Doch die Koedukation hatte sich seit Bestehen des ersten Landerziehungsheims in Ilsenburg bewährt. Natürlich waren Mädchen und Jungen in unterschiedlichen Quartieren untergebracht, aber der Unterricht und alle außerunterrichtlichten Aktivitäten wurden, mit Erfolg, geschlechterübergreifend angeboten.

zum Seitenanfang

3.1.5 Schulregeln

Um sich in das Leben an der Schule der dreißiger und vierziger Jahre besser einfühlen zu können, ist es hilfreich sich die Schulgesetze von damals genauer anzusehen.
Diese Gesetze gab es, jedoch wurden sie nicht sklavisch befolgt; was nicht heißen soll, dass sie nicht beachtet wurden. Sie spiegeln wider, auf was es ankam. Sie waren ein Leitbild, das die Schüler in die Verantwortung zog, diesen Idealen zu entsprechen. Sowohl Schüler als auch Lehrer der damaligen Zeit, sahen die Schulgesetze als eine wichtige Stütze im täglichen Zusammenleben. Verstöße gegen die Regeln wurden streng geahndet und konnten in seltenen Fällen bis zum Verweis von der Schule führen.
Eine Regel, die den Konsum von Süßigkeiten, Alkohol, oder Zigaretten verbietet, sucht man an dieser Stelle vergeblich. Diese Delikte wurden nicht einmal aufgeführt, da man voraussetzte, dass sich niemand zu diesen Genüssen verlocken lassen würde.

„Schulgesetze“

Achte alles geistige Schaffen. Mache Ernst mit deinem Lernen. Ehre das Schaffen der Hände. Leiste selbst ganze Arbeit. Steigere unablässig deine Leistung im Sport. Beweise sportliche Gesinnung durch deine Haltung. Lebe einfach. Werde deiner Bedürfnisse Herr. Kämpfe um deine Reinheit. Scheide dich klar vom Schmutz. Sage die Wahrheit. Fordere sie.
Dein Bestes gehört der Gemeinschaft. Vergiss nicht, dass du in deinem Tun und Lassen Deutschland verantwortlich bist. Die Schule fordert von dir, dass du als Glied des Rings Zucht und Gehorsam übst und die gemeinsame Sache über dich selber stellst. Sie erwartet aber auch, dass du frei von Herdengeist aus eigener Verantwortung handelst und mutig zu deiner Überzeugung stehst. schäme dich nie deiner Ehrfurcht. Sei tapfer, sei ritterlich und kameradschaftlich. Schütze die gute Sitte des Hauses. Mache Birklehof jederzeit Ehre.“46

Die Schulgesetze spiegeln den Geist der vergangenen Zeit und auch Kuchenmüllers Ideale wieder. Im Vordergrund standen die beiden Grundsätze Ehrlichkeit und Mitverantwortung.
Diese Ideale sind aber nicht nur birklehofspezifisch, sondern lassen sich schon bei dem Gründer der Landerziehungsheime Hermann Lietz wiederfinden.47
Dass diese Grundsätze auch tatsächlich umgesetzt wurden und nicht nur ein Konzept auf dem Papier waren, bestätigt zum Beispiel der Umstand, dass die Klassenarbeiten ohne Lehreraufsicht geschrieben wurden, im vollen Vertrauen auf die Ehrlichkeit der Zöglinge.
Der von Kuchenmüller eingeführte Trainingsplan ist eine weitere Bestätigung der Umsetzung der Konzeption.

zum Seitenanfang

3.1.6 Unterricht und Sport

Der Unterricht verlief in recht familiärer Atmosphäre, waren die Kinder doch schon den ganzen Tag streng durch den Trainingsplan organisiert.
Auch hier ist die Umsetzung von Lietz’ Gedanken zu erkennen. Die Schüler waren den ganzen Tag beschäftigt, es gab wenig selbst gewählte Freiräume.
Den Tagesablauf eines Birklehofers stelle ich hier nicht vor, da dieser im Groben mit dem im Kapitel „Landerziehungsheime und deren Geschichte“ vorgestellten Tagesablauf von Herman Lietz übereinstimmt.

Auch am Birklehof spielte neben dem geistig-musischen auch der handwerkliche Gedanke eine große Rolle. Die Schüler arbeiteten sogar „seit November 1934 [...]bei Handwerksmeistern im Dorf...“48 Die handwerklichen Arbeiten erhielten Preise und wurden schulintern vorgestellt; als Forum für solche Zwecke diente die Morgenfeier, „zu der gute Musik [ gespielt] und der Wochenspruch vorgelesen [..]“49 wurde.

Zum handwerklichen Betätigungsfeld wurde unter Kuchenmüller auch der Bau des schuleigenen Sportplatzes gezählt. Kuchenmüller selbst ging mit gutem Beispiel voran und wird in Erzählungen als engagiertester Bauhelfer auf dem Sportplatz beschrieben. Das Konzept, geistige mit handwerklicher Arbeit zu verknüpfen, ist auch in diesem Fall wieder sehr gut gelungen. Die Schüler arbeiteten auf ein gemeinsames Ziel hin, das sie zusammen mit den Lehrern und weitgehend ohne Fremdhilfe erreichen wollten.
Der Sportplatzbau war Teil eines pädagogischen Konzeptes, das die Schüler, die zumeist aus wohlhabenden Familien kamen, dazu brachte, auch niedere Arbeiten zu verrichten und ein Gespür für deren Notwendigkeit bekommen ließen.
Die Parallelen zwischen den Methoden von Kuchenmüller und denen des herrschenden Regimes sind hier nicht von der Hand zu weisen.
Gemeinschaftsveranstaltungen wurden am Birklehof immer groß geschrieben, dazu zählten Klassenfahrten: Ausflüge in die charakteristische Umgebung des Schwarzwaldes, im Winter das Skifahren und, nicht zu vergessen, die Streiche, die an der Schule selbst inszeniert wurden, aber auch die Partnerschule Salem nicht verschonte.
Diesen Aktionen wurde sogar Unterrichtszeit geopfert, die Streiche vereinten die Schulgemeinschaft und schafften eine ausgelassene „[...]Atmosphäre, die jedoch nie Gefahr lief, in Disziplinlosigkeit oder Anarchie zu enden.“50 Die Streiche wurden oft in Hockeyspielen zwischen den beiden Schulen zu einem friedlichen Ende gebracht.

Eine Interessengemeinschaft mit Salem gab es auch in anderen Bereichen; so wurden Schüler, die am Birklehof die Regeln (Schulgesetze) nicht achteten, nach Salem geschickt. Kuchenmüller hatte die Schüler somit der Schule verwiesen, konnte aber trotzdem guten Gewissens sein, dass seine Zöglinge nicht vom rechten Weg abkamen.

zum Seitenanfang

3.1.7 Musik und Veranstaltungen

Seit 1934 wurde das Christgeburtsspiel am Birklehof aufgeführt; die Proben begannen oft schon im frühen Herbst, um das Stück möglichst perfekt zu gestalten. Theateraufführungen, Feste und Musik hatten einen großen Stellenwert am Birklehof, aber auch an der Gründerschule Salem.
Bei den Theateraufführungen wurden die Rollen nicht an die besten Schüler verteilt, sondern an diejenigen, von denen man glaubte, dass sie eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins außerhalb des Klassenzimmers gut vertragen konnten.
1937 beschloss der Ring51 „jeden Sommer abwechselnd eine griechische Tragödie und ein neuzeitliches Drama aufzuführen.“52
Um den Kindern in der Abgeschiedenheit des Birklehofs – die sicher viele Vorteile mit sich bringt – auch Einblicke in die Kultur der damaligen Zeit geben zu können, organisierte Kuchenmüller Veranstaltungen mit renommierten Musikern und Dichtern.

„Die Musik spielte überhaupt eine außergewöhnliche Rolle, und was mit den bescheidenen Mitteln geleistet wurde, ist schon erstaunlich. Es gab wohl auch kaum einen Schüler, der nicht wenigstens ein Instrument spielte. Wir waren in dieser Beziehung schon etwas wie ein musisches Gymnasium, sangen und musizierten im Rundfunk und anderen Orten, und ebenso wurden unsere Theateraufführungen, die oft im Mittelpunkt der Arbeit eines ganzen Trimesters waren, meist noch in Donaueschingen oder sonst wo wiederholt.“53

Neben der Musik spielt der Sport zu dieser Zeit auch am Birklehof eine große Rolle in der Erziehung der Jugend. Es wurde viel Sport getrieben, doch am beliebtesten war das Hockeyspielen.
Unter den Nationalsozialisten wurde der Sport stark gefördert, doch hier „bildete der Sport im reformpädagogischen Ansatz des Birklehofs ein Pendant zur geistigen Erziehung und existierte schon lange vor der nationalsozialistischen Zeit.“54
Lietz’ Gedanken wurden also auch in diesem Punkt am Birklehof umgesetzt.
Es waren aber nicht nur die Gedanken von Herman Lietz von 1898, sondern auch die der Nationalsozialisten. „Die Umsetzung reformpädagogischer Ideen in den Landerziehungsheimen – und hier am Birklehof – in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hat nicht allein eine idealistische und unschuldige Erziehung zur Folge gehabt. Der Reformpädagogische Ansatz wurde angesichts des nationalsozialistischen Rahmens seiner Unschuld beraubt, die Parallelen sind unübersehbar, der Missbrauch vieler Ideale war fast zwangsläufig.“55
Ziel des Regimes war es, schon im Schulalter eine Prägung hin zum Nationalsozialismus zu erreichen. Die Schüler sollten auf zukünftige militärische Einsätze vorbereitet werden.
zum Seitenanfang

3.2 Der Birklehof im zweiten Weltkrieg und nach 1945

„Das politische Inseldasein des Birklehofs machte viele Schüler begeisterungsfähig für Ideale, die der nationalsozialistischen Weltanschauung nahe standen.“56
Eine Schülerin aus dieser Zeit beschreibt, dass viele Schüler die Welt außerhalb des Birklehofs ignorierten. Man versuchte, sich möglichst lange ein verklärtes Bild der inneren (auf den Birklehof bezogenen) Realität aufrecht zu erhalten.
Sie schreibt hierzu: „Die Welt draußen war uns im Großen und Ganzen gleichgültig [...]. Und doch waren zwei sehr verschiedenartige – scheinbar verschiedenartige – Komponenten die Grundlage unser Birklehofer Erziehung: der Nationalsozialismus [...] und die Ideen des jüdischen Pädagogen und Salemgründers Kurt Hahn [...]. Ich glaube, diese beiden Grundzüge waren nur scheinbar verschieden. In Wirklichkeit speisten sie sich aus der gleichen Quelle. Die Ideale Hahns: Verantwortung einer Elite für die Allgemeinheit und für sich selbst, spartanische Erziehung, [...] Dekadenz und Luxus, das Deutsche immerfort vor Augen - dies waren auch die ursprünglichen Ideen des Dritten Reichs.“57

Die Parallelen zum herrschenden Regime lassen sich in dieser Zeit nicht leugnen.
Doch auch zur Jugendbewegung, die in diesem Text bereits genannt wurde, lassen sich ähnliche Strukturen erkennen.
So wurde zum Beispiel der Gang zum Sonnenwendhügel zum festen Bestandteil der schulischen Rituale: Zum Beginn des Schuljahres und zu besonderen Anlässen ging man auf den Sonnenwendhügel, um gemeinsam zu singen oder jemandes zu gedenken.
In den darauf folgenden Jahren versammelte man sich an diesem Ort, um der im Krieg gefallenen Schüler und Lehrer des Birklehofs zu gedenken.
Die Schule wurde immer stärker in die politische Situation involviert: Schüler wurden in den Militärdienst eingezogen, fast jeder Schüler war Mitglied in der HJ, die Schule durfte „keine nicht- arischen Kinder mehr aufnehmen“58, viele Lehrer und Schüler mussten aufgrund der Rassengesetze den Birklehof verlasen. „Demgegenüber ist Kuchenmüllers Einsatz für viele jüdische Schüler festzuhalten, der nicht einem ausgesprochenem Philosemitismus, sondern vielmehr seiner humanistischen Grundüberzeugung entsprach. Obwohl er selbst zugab, vor 1933 kein ausgesprochener Judenfreund gewesen zu sein, wollte er dennoch nicht die ihm anvertrauten jüdischen Schüler den Nationalsozialisten preisgeben.“59
Doch trotz Kuchenmüllers Vorhaben mussten viele Schüler und Lehrer den Birklehof verlassen, als die „Rassengesetzgebung“ publik wurde.
Im Herbst 1939 eskalierte die Lage, und die Schulleitung entschloss sich, auf Drängen der Eltern, die Schule nach Beuron60 zu verlegen. Die politische Lage und die Nähe des Birklehofs zur französischen Grenze waren die Auslöser für diesen Entschluss.
Die Behörden verlangten eine sofortige Rückkehr an den Birklehof, doch Kuchenmüller ließ sich bis Dezember Zeit.
Die Situation hatte sich aber keineswegs entspannt, so sind den Altbirklehoferblättern aus dem Jahr 1942 nur Todesanzeigen von Schülern und Lehrern des Birklehofs zu entnehmen.
„Im Februar 1943 zog man sogar 20 Jungen aus der sechsten Klasse als Flak-Helfer ein.“61
Im Mai 1944 wurde der Birklehof trotz Protesten verstaatlicht.
1944 reisten die Schüler in die Sommerferien ab, ohne zu wissen, dass es die Schule Anfang des nächsten Schuljahres nicht mehr geben würde. Wendelstadt teilte dem Amtsgericht in Freiburg im Breisgau mit, dass die Schule aufgelöst werden würde. Er schrieb einem Bekannten: „Von dem was wir hier aufgebaut haben, ist nicht viel übrig. Wohl stehen die Bauten noch, aber vom Geist des Birklehofs ist hier nichts mehr zu spüren. Momentan ist sogar die alte Schülerschaft des Birklehofs garnicht hier, sondern nur eine SS Gastschule, die ja gar nicht wissen kann, was ihr hier anvertraut ist.“62
Die Schule Birklehof wurde im Sommer 1944 auf Befehl des französischen Militärs geschlossen.
Kuchenmüller legte sein Amt als Schulleiter nieder, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und wurde auch direkt eingezogen.

zum Seitenanfang

3.3 Der Birklehof von 1945 bis heute

In diesem Abschnitt werde ich die Veränderungen, die der Reformpädagoge Georg Picht am Birklehof durchgeführt hat, aufzeigen.
Die detaillierte Betrachtung der Geschichte des Birklehofs steht nicht im Focus der Betrachtung, da bei dieser Arbeit die Konzeption der Schule und nicht die Historie des Birklehofs im Vordergrund stehen soll.
1946 beschloss Wendelstadt die Schule wieder zu eröffnen und bat den ehemaligen Lehrer Dr. Georg Picht die Schule zu leiten. Dieser hielt den Zeitpunkt für äußerst ungünstig, ließ sich aber doch darauf ein.
Die Schule war in einem denkbar schlechten Zustand, aber Picht hatte vor allem vor das Konzept von Kuchenmüller in einigen Punkten zu ändern. Picht löste sich sehr bestimmt von den Salemer Strukturen und von Kuchenmüllers Erbe. Durch Picht zog ein frischer Wind durch das Gelände des Birklehofs. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, liberalere, demokratischere Verhältnisse an der Schule, die er ja selbst schon als Lehrer erlebt hatte, zu schaffen.
Wenn der Erziehungsstil von Picht hier als liberal beschrieben wird, darf eine Aussage von ihm, die damalige pädagogische und politische Situation betreffend nicht fehlen: „[.. ] der Stil den ich am Birklehof durchzuführen versuchte, -war- ein notwendiger geschichtlicher Notbehelf [...]“63
Kuchenmüller und Picht verbargen ihre Differenzen nicht, Picht schaffte den Schulanzug und das Rauchverbot ab, um seine pädagogischen Grundprinzipien verwirklichen zu können. Ehrlichkeit und Mitverantwortung sollten die Basis des Birklehofs sein und nicht ein strenges Befolgen eines Regelkataloges. Den Schülern sollte genügend Freiraum geschaffen werden, um sich in ihrer Persönlichkeit entfalten zu können. Die Schule musste deshalb folgende Bedingungen erfüllen:

„1. Sie darf nicht reine Unterrichtsschule sein, sondern muss einen Lebenszusammenhang herstellen, in dem jene elementaren sittlichen Erfahrungen gemacht werden, die heute innerhalb einer Familie nicht mehr voll realisiert werden können.
2. Das Leben in der Schulgemeinschaft muss sein gesamtes Dasein erfassen und für sein späteres Leben die Maßstäbe aufrichten.
3. Insbesondere muss der junge Mensch in der Schulgemeinschaft lernen, Opfer zu bringen und Verantwortung zu tragen. Dieser Aufgabe dient man nicht dadurch, dass man eine Ideologie der Verantwortungsbereitschaft predigt, – sie gelingt nur, wenn das, was uns als Predigt all zu leicht über die Lippen geht, zu einer unaufdringlichen und selbstverständlichen Übung wird.“64
Auch bei Picht sind wieder die Gedanken von Herman Lietz von „Mitverantwortung“ und „Ehrlichkeit“ zu finden.
In einer Zeit, in der Autoritäten auf einmal keine mehr waren, erscheinen diese Gedanken in der Kinder- und Jugenderziehung noch plausibler und erfolgversprechender als je zuvor.
Die ebenfalls bei Lietz beschriebenen Trainingspläne, die unter anderem von Kuchenmüller realisiert wurden, hält Picht, aus oben genannten Gründen, für eine „[...] Fehlentwicklung in der Landerziehungsheimpädagogik“.65
Das Bestreben, die Schule auf einem christlichem Fundament aufzubauen, setzte Picht durch die sonntäglichen – zunächst verpflichtenden – Kirchgänge um; so blieb den Schülern nichts anderes übrig, als Eindrücke von der christlichen Religion zu gewinnen, um dann eigenständig entscheiden zu können, ob sie dieses Ritual fortsetzen wollten oder nicht.
Picht versuchte, an die Traditionen der Schule anzuknüpfen, doch war er dafür, dass man der Zeit entsprechende Neuerungen einführen musste, anstatt sich sklavisch an die Traditionen zu halten.
Zu den Traditionen gehörten unter anderem die Musik, die unter Picht stark gefördert wurde. Der Sport hingegen erschien ihm als weniger bedeutsam, das Hockeyfieber ließ demzufolge stark nach.
Nach der Wiedereröffnung waren zum Teil die ehemaligen Schüler, die vor dem Kriegsende die Schule besucht hatten, wieder an den Birklehof zurück gekehrt; doch die Mehrzahl der Schüler waren nun Externe.
Auffällig war nach dem Krieg die hohe Zahl von Schülern ohne Vater (17%).
„Was die soziale Herkunft der Schüler betrifft, so fallen 1952 zwei Gruppen besonders ins Auge:
10% sind adeliger Herkunft und bei 13% lautet die Berufsbezeichnung des Vaters Fabrikant bzw. Fabrikdirektor. Rechnet man die Verleger, Brauereibesitzer, Generaldirektoren etc. hinzu, dann kommt man auf einen Anteil von 22%. Die am zweithäufigsten genannte Berufsbezeichnung ist Kaufmann (12%), gefolgt von den Gruppen der Ärzte (10%) und der Professoren (6%).“
66
Der Adel war dem Birklehof gegenüber und den Landerziehungsheimen generell sehr positiv eingestellt. Die Internate waren ziemlich schnell als Schulen der Reichen, als Nobelschulen, tituliert worden.
Die Auswirkungen des Wirtschaftswunders waren auch am Birklehof zu spüren. Viele Schüler mit bekannten Namen aus der Wirtschaft waren auf dem Birklehof angekommen (Klett, Giradet, von Borries, Kettler), aber auch Kinder von Gelehrten und Künstlern besuchten die Schule (Butenandt, von Weizsäcker, Bergstraesser, Heimpel, Kommerell, Kempff ) oder von hohem Adel (v. Berlichingen, Frh v. Wagenheim, Prinz von Sachsen-Meiningen ). Durch diese zahlungskräftige Klientel, die den Birklehof besuchte, war es auch nach der Kuchenmüller-Ära möglich, Stipendien für hochbegabte Kinder einzurichten.

Picht, der sehr engagiert in der Bildungspolitik war, wollte aus der Schule wieder ein humanistisches Gymnasium machen; diesen Schritt sah er nicht als Rückschritt, sondern als den Weg in die Zukunft.67
Die Ursache für die Krise in den humanistischen Gymnasien sah Picht unter anderem darin, dass Kinder jahrelang die lateinische und griechische Sprache lernten, ohne sich dabei Wissen in der erlernten Sprache anzueignen. Er wollte die Unterrichtsinhalte transparenter machen, sodass dem Schüler der Grund für das Erlernen dieser Inhalte deutlicher würde; dies beschränkte sich allerdings auf die oberen Klassen, in der fünften und sechsten Klasse müsse die Lehrerautorität genügend Anreiz zum Lernen sein.
Von seinen Kollegen forderte Picht, dass sie sich nicht ausschließlich mit dem Lehren befassen sollten, sondern auch wissenschaftlich tätig werden sollten. Die Lehrer müssten in die Forschung und in die Wissenschaften involviert sein, um die Schüler auf die Anforderungen im Berufsleben vorbereiten zu können. Infolge dessen entstand das Platonarchiv an der Schule, das zugleich auch von Studenten der Universität Freiburg genutzt wurde.
1948 wurde die Hochschule für Musik in Freiburg gegründet und eine enge Kooperation mit dem Birklehof hergestellt. Der Plan von Picht und seiner Frau, aus dem Birklehof ein musisches Gymnasium zu machen, an dem Hochbegabte gefördert werden könnten, rückte so näher und wurde 1960 realisiert.
1947 lernte Picht die Sozialistin und Direktorin der Odenwaldschule, Minna Specht, kennen. Ihr Name und ihr Engagement stehen untrennbar mit der Geschichte der Landerziehungsheime in Verbindung. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden, aus der heraus sich verschiedene pädagogische Initiativen Pichts begründeten. „Die Menschen Minna Specht und Peter Faller verkörpern die beiden Grundideen, auf die Picht den Birklehof hatte aufbauen wollen: die freiheitliche Landerziehungsheimpädagogik und den mit einem Elitebewusstsein ausgestatteten christlichen Humanismus.“68
Der Birklehof, und Georg Picht besonders, eckte immer wieder mit den Behörden an; mitunter, weil den Lehrern zum Teil die vorgeschriebenen Abschlüsse fehlten, oder weil man sich nur bedingt an den vom Bundesland vorgeschriebenen Lehrplan hielt. Picht sah sich unter genauester Einhaltung der Vorgaben nicht dazu imstande seine Ideen eines Landschulheims zu verwirklichen.
Er engagierte sich zunehmend in der Politik, um diesem Zustand Abhilfe zu schaffen. So wurde er mit der Organisation des „Kongresses für Fragen des studentischen Gemeinschaftslebens und Studium generale“ beauftragt.
Als größtes Manko an der Hochschulreife wurden die Stofffülle und die ungenügende Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten gesehen. Minna Specht plädierte dafür, dass man „Mut zur Lücke“ bei den Lerninhalten haben sollte und sich verstärkt auf wenige Teilgebiete, die der Schüler selbst auswählte, konzentrieren sollte.
1953 wurde Picht, der in den letzten Jahren verstärkt in der Bildungsreformpolitik tätig war, in den „deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen“ aufgenommen. Diese Kommission hatte sich vorgenommen, eine Neuordnung des gesamten Schulwesens vorzunehmen. Die Vereinigung musste einige Rückschläge, und Abweichungen ihrer Pläne hinnehmen, doch Picht ließ sich von seinen Vorhaben nicht abbringen. Im Oberstufenunterricht sollte verstärkt wissenschaftlich gearbeitet werden, so wurden Studientage eingeführt, bei denen die Schüler sich intensiv mit einem Thema auseinander setzen mussten.
Picht hatte eine wichtige Stellung in der Bildungspolitik eingenommen, doch können die einzelnen Veränderungen hier nicht alle genannt werden, da diese den Birklehof zum einen oft nicht betroffen haben, und zum anderen, weil seine Aktivitäten so zahlreich waren, dass man darüber eine gesonderte Arbeit schreiben könnte.

Picht war es nicht mehr möglich, neben seinen Tätigkeiten in der Politik den Birklehof weiter zu leiten. Am 1. Januar 195669 legte er sein Amt als Schulleiter nieder.
Man suchte nun einen Nachfolger, der in erster Linie Persönlichkeit sein sollte um den Birklehof zu führen; natürlich musste der zukünftige Leiter auch ein guter Pädagoge sein, doch es hatte sich bewährt, einen starken Charakter mit der Leitung zu betrauen.
Es wurde lange gesucht, unter anderen beabsichtigte man „[...] Axel von dem Bussche, der einer der jungen Offiziere im Widerstand gegen Hitler gewesen war, zu gewinnen“70, doch er wurde der Leiter von Salem und nicht des Birklehofs.
Nach langen Debatten entschied man sich „[...] im April 1961 für den SPD-nahen Publizisten und ehemaligen Schülervater Helmut Lindemann[...] Es war der bewusste Versuch, die Schule politisch nach links zu öffnen.“ 71
Der Versuch, ihn als Schulleiter am Birklehof einzustellen, scheiterte nach kurzer Zeit am Widerstand von Eltern, Schülern und Lehrern. Seine Amtszeit begann im September 1661 und war bereits im Frühjahr 1962 wieder beendet.
Theresa Löwe schreibt in ihrer Arbeit, Lindemann hätte schon zu dieser Zeit den Geist der 68er-Generation verkörpert.
Ein erneuter Wechsel stand dem Birklehof so bevor, diesmal entschied man sich für Klaus Weidauer, der bereits Lehrer am Birklehof war. Seine Amtszeit war um einiges länger als die seines Vorgängers Lindemann. Er blieb bis 1985 an der Schule als Direktor. „Seit 1960 wurde im Schulverein immer wieder der Wunsch zahlreicher Eltern diskutiert, einen französischen Zweig einzurichten, also statt Griechisch Französisch wählen zu können. Klaus Weidauer sah sich der sinkenden Schülerzahlen wegen zu diesem Schritt gezwungen.“72
Picht war mit dieser Veränderung nicht einverstanden und musste erkennen, dass die Schule nicht mehr das war, was er einst schaffen wollte.
Er hatte der Schule ein neues Profil gegeben, das bis heute in vielen Ansätzen noch vorhanden ist, nämlich ein Profil, das geprägt ist von hohen geistigen Ansprüchen und einem großen Maß an erzieherischer Fähigkeit und Freiheit.
Als Nachfolger von Herrn Weidauer kam 1985 Herr Plessing an die Schule. Ohne die Wirkung der Neuerungen, die Herr Plessing einführte schmälern zu wollen, kann an dieser Stelle auf Einzelheiten seiner Wirkungszeit als Schulleiter nicht eingegangen werden.
2002 übernahm Herr Laumont die Leitung des Birklehofs, womit auch hier ein neues Kapitel beginnt.


Fußnote

28 Hildegard Herchenröter fand die älteste Erwähnung bei der Gemeinde Hinterzarten.

29 Früher hieß das Haupthaus „Haus der Freunde“. Es wurde gebaut, um Besuch zu empfangen. Der Architekt Gilsberth von Teufel entwarf das charakteristische Landhaus im englischen Stil. Besonders auffallend ist bis heute der Zwiebelturm (Interview mit H. Ganter – Architekt).

30 (Würthle 1998, S. 10)

31 (Der Urbirklehof, 2001, S. 2-3)

32 (Der Urbirklehof, 2001, S. 3)

33 Vgl. Würthle 1998, S. 13

34 Vgl. Würthle 1998, S. 15

35 Mann, 1986, S. 16

36 Vgl. Schule Birklehof 1982, S. 11

37 Würthle, 1998, S. 19

38 Würthle, 1998, S. 26

39 Würthle, 1998, S. 27

40 Heute mit einer Schuluniform zu vergleichen.

41 Würthle, 1998, S. 29

42 Hahn in Knoll, 1998, S. 226-227

43 Siehe auch die Schulgesetze von 1936 in „Der Urbirklehof“ 2001

44 Lehrer die ein Internatshaus betreut haben, wurden Hauserwachsene genannt.

45 Schule Birklehof 1982, S. 15

46 Birklehofheft, Nr. 5, S. 3

47 Vgl. Dietrich 1967, S. 15 , 2.1.1 Landerziehungsheime und deren Geschichte

48 Birklehofheft Nr. 1, 1936, S. 3

49 Vgl. Würthle, 1998, S. 36

50 Würthle, 1998, S. 39

51 Der Ring war eine kleines Birklehofer Parlament, in dem sowohl Schüler als auch Lehrer vertreten waren. Es wurden verschiedenste Entscheidungen, die beide Seiten betrafen, getroffen. Im Ring waren nur Schüler, die sich dieses Amt „verdient“ hatten.

52 Buch, S. 548

53 Buch 1963, S. 19

54 Wüthle, 1998, S. 44

55 Wüthle, 1998, S. 45

56 Wüthle, 1998, S. 46

57 Ladenburg in Birklehof 1994, S. 86-88

58 Schule Birklehof an Elisabeth Freund, 3.10.1936: (Nachlass Wendelstadt) in Würthle, 1998, S. 60

59 Würthle, 1998, S. 61

60 Beuron (Wallfahrtsort) liegt in der Nähe von Tuttlingen und ist 94 km (mit der heutigen Verkehrsanbindung) vom Birklehof entfernt.

61 Würthle, 1998, S. 75

62 Würthle, 1998, S. 83

63 Löwe 2001, S. 11

64 Georg Picht in: Der Birklehof in der Nachkriegszeit 1946-1963, S. 5

65 Löwe, 2001, S. 7

66 Löwe, 2001, S. 33

67 Löwe, 2001, S. 43

68 Löwe, 2001, S. 35

69 Löwe, 2001, S. 43

70 Löwe, 2001, S. 45

71 Löwe, 2001, S. 46

72 Löwe, 2001, S. 50

Birklehof


Homepage Birklehof
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit
1.2 Meine Vorgehensweise
1.3 Quellenlage

2. Landerziehungsheime & Reformpädagogen
2.1 Die Ursprünge der Landerziehungsheimbewegung
2.1.1 Ursprünge der Landerziehungsheime in England
2.2 Geschichte der Landerziehungsheime in Deutschland
2.2.1 HermanLietz
2.3 Reformpädagogen der Landerziehungsheimbewegung
2.3.1 Kurt Hahn
2.3.2 Georg Picht

3. Die Geschichte und Konzeption des Birklehofs
3.1 Der Birklehof von1932 bis 1945
3.1.1 Aufnahmekriterien für Schüler
3.1.2 Schülerschaft
3.1.3 Lehrer Erzieher
3.1.4 Pädagogisch-didaktische Grundkonzeption und Schulalltag
3.1.5 Schulregeln
3.1.6 Unterricht und Sport
3.1.7 Musik und Veranstaltungen
3.2 Der Birklehof im zweiten Weltkrieg und nach 1945
3.3 Der Birklehof von 1945 bis heute

4 Überprüfung der Aktualität in Bezug auf die gegenwärtige Situation am Birklehof
4.1 Schülerschaft
4.2 Bewertung der Belegungszahlen der LEH, im Besonderen des Birklehofs
4.3 Leben und lernen heute am Birklehof
4.4 Das Internat
4.4.1 Arbeitsgemeinschaften und Dienste
4.4.2 Tagesablauf eines Internatsschülers
4.4.3 Regeln im Internatsleben
4.4.4 Leben auf Zimmern, Flügeln und Gängen
4.5 Lernen am Birklehof
4.5.1 Lehrer – Mentoren – Hauserwachsene
4.5.2 Musik
4.5.3 Zusammenspiel von körperlicher und geistiger Arbeit
4.6 Neue Medien

5 Aktuelle Aspekte der Landerziehungsheimbe- wegung
5.1 Befragung externer Schüler und ehemaliger externer Schüler
5.1.1 Auswertung der Ergebnisse der Befragung der externen Schüler und Altbirklehofer
5.1.2 Bewertung der Befragung
5.2 Auswirkungen von Pisa und eine Einschätzung des Birklehofs in Bezug auf Pisa
5.3 Mögliche Parallelen zwischen dem skandinavischen Modell und der Methodik am Birklehof.
5.3.1 Aktuelle Diskussion über Ganztagsschulen
5.4 Gründe, die Kinder damals wie heute dazu bewegen ein Internat zu besuchen
5.5 Der äußere Rahmen des Birklehofs

6 Ergebnisse und Ausblicke
6.1 Der Birklehof in der Tradition
6.2 Diskussion der Hauptergebnisse und Schlussbetrachtung
6.3 Persönliche Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis
Sekundärliteratur
Internetquellen
Zeitschriftenaufsätze
Filme
Interviews

8 Anhang