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Keinen Bann!

Bevor er Nobelpreisträger wurde und die ganze europäische Hautevolee der Physik um sich versammelte, musste der dänische Physiker Niels Bohr an der Kopenhagener Universität eine Aufgabe lösen.

Er präsentierte dort eine Lösung, die in die Geschichte einging. Der Prüfer fragte den Studenten: „Beschreiben Sie bitte, wie man die Höhe eines Wolkenkratzers mit Hilfe eines Barometers feststellen kann.“ Darauf antwortete Bohr: „Sie befestigen ein langes Stück Schnur am Rand des Barometers und lassen das Barometer dann vom Dach des Wolkenkratzers zum Boden hinunter. Die Länge der Schnur plus die Höhe des Barometers entspricht der Höhe des Gebäudes.“ Der Professor und sein Beisitzer waren entrüstet und ließen Bohr durch die Prüfung fallen. Dieser beschwerte sich, denn seine Antwort sei ja richtig gewesen. Der Beschwerde wurde stattgegeben, allerdings mit der Einschränkung, dass seine Antwort sich nicht dazu eignete, sein physikalisches Wissen unter Beweis zu stellen. Also wurde ihm die Frage erneut vorgelegt, und Bohr brütete, solange es die Zeit zuließ. Er hob den Kopf und sagte, dass er auf verschiedene Lösungen gekommen sei und er natürlich nicht wissen könne, welche der Lösungen nun von ihm erwartet würden.

Die Ungeduld wuchs, und so legte er schließlich los: Man könne das Barometer vom Dach des Hochhauses werfen und die Zeit stoppen, bis es auf dem Grund aufschlägt. Nach der Beschleunigungsformel h = 1/2 * g * t2 bekomme man die Höhe, habe dann allerdings das Barometer geopfert. Bei Sonnenschein könne man aber auch die Höhe des Barometers und dessen Schatten messen, um dann den Schattenwurf des Hochhauses abzuschreiten. Über den Strahlensatz komme man zur gesuchten Hochhaushöhe. Bohr setzte fort: Wissenschaftlicher aber sei es, das Barometer an einer Schnur vom Dach zum Grund pendeln zu lassen. Die Höhe folge der Formel der gravitationalen Wiederherstellungskraft: T = 2pi2. Und Bohr trieb es noch weiter: „Sicher hat das Gebäude eine Feuertreppe an der Fassade. Da könnte man das Barometer wie einen Zollstock jeweils abtragen.“

Erst ganz zum Schluss lieferte Bohr, was die Prüfer hören wollten: „Die langweiligste, die orthodoxe Lösung wäre, mit dem Barometer den Luftdruck auf dem Dach des Wolkenkratzers und auf dem Boden zu messen und aus dem Unterschied die Höhe des Gebäudes abzuleiten.“ Und damit war Niels Bohr nicht fertig: Er würde eine andere Lösung vorziehen, denn man solle ja seinen verstand benutzen und den einfachsten Weg wählen. Folglich würde er beim Hausmeister nach der Höhe des Gebäuses fragen und ihm zum Dank das Barometer schenken,

Auf sechsfache Weise findet Bohr die Lösung und zeigt damit, dass es nicht die einsame Methode gibt, die zum Ziel führt, sondern dass es gerade die Vielfalt, der ganze Blumenstrauß aus Möglichkeiten ist, der auf verschiedenen Wegen zum Ziel führt. So entsteht ein Wissensgebäude, dessen Wände sich gegenseitig stützen und nicht alles auf einer einzigen Säule ruht. Goethe hätte übrigens auch den dänischen Prüfern, die nur die eine Barometerlösung hören wollten, widersprochen: „Man lege sich als Naturforscher keinen Bann auf!“, betonte er und ermutigte uns dazu, ‚mannigfaltige‘ Wege zu beschreiten.

Wer sich nur an eine Art zu fragen, zu suchen, zu verstehen zulassen will, wird früher oder später auf ein Phänomen treffen, das er mit seiner Art zu forschen nicht verstehen – ja, vielleicht ger nicht bemerken wird. Doch je vielfältiger und bunter die Arten sind, in denen man die Rätsel der Welt zu verstehen bereit ist, umso vielfältiger und bunter kann sie erscheinen.

Autor: Wolfgang Held
Veröffentlicht in a tempo 04/2017 S. 10, die welt wahrnehmen
Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Held.
Zusatz in a tempo: Wolfgang Held studierte Pädagogik und Mathematik. Er ist Beauftragter für Kommunikation am Goetheanum, verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift ‚Das Goetheanum‘ und Autor zahlreicher Bücher. Im März erschien sein aktuelles Buch: ‚So kommt das Neue in die Welt‘ [ISBN 978-3-7725-2876-7]