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Neue Lernkultur?!

Antwort zu dem Interview mit Professor Karl-Heinz Dammer in der Wirtschaftswoche vom 28.9.2016: Pädagoge über ‚Neue Lernkultur‘ – An Schulen herrscht ein problematisches Weltbild
Interview in der Wirschaftswoche

Karl-Heinz Dammer, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, unterliegt einem grundlegendem Missverständnis in Bezug auf die Reformpädagogik: „Reformpädagogische Methoden sind aber nicht an sich gut, sondern abhängig davon, in welchem fachlichen Kontext und mit welchen Schülern sie zu welchem Zweck angewandt werden.“ (im Interview) Reformpädagogische Methoden sind kein Sammelsurium von Methoden, die in einem fachlichen Kontext auf einzelne Schüler angewendet werden, sondern Reformpädagogik stellt den Schüler konsequent in den Mittelpunkt des Lernens. Die Methoden, die Freinet, Neill, Geheeb und andere entwickelten, hatten nicht die Aufgabe den Schülern den vorgegebenen Stoff möglichst optimal zu vermitteln. Vielmehr standen die SchülerInnen und ihre Lerninteressen im Vordergrund und die Methoden waren dazu da, dass SchülerInnen ihre Lerninteressen erfolgreich verwirklichen konnten. Sie waren nicht Instrument der LehrerIn sondern Werkzeug für die SchülerInnen.

Karl-Heinz Dammer stellt die reformpädagogische Lernkultur auf den Kopf.

In der Reformpädagogik erarbeitet nicht die Lehrkraft ‚möglichst differenzierte Unterrichtsmaterialien, die sich an den individuellen Lernständen und Fähigkeiten der Schüler orientieren sollen, so dass diese sie in einer vereinbarten Zeit selbstständig bearbeiten können.‘ (Dammers im Interview) Eine solche ‚Selbständigkeit‘ ist eine Farce, denn die Schülerinnen dürfen selbständig das lernen, was die LehrInnen an Aufgaben für sie bereitstellen. Das ist Dressur, kein selbständiges Lernen. In der Reformpädagogik ging es um die Freiheit der SchülerInnen das zu Lernen, was ihnen wichtig war. Es ging nicht darum, dass sie tun konnten, was sie wollte. Sondern darum das sie wollten was sie tun! (Gaudig) Die LehrerIn hilft den SchülerInnen dabei, das was diese lernen wollen auch in ihrem Sinn erfolgreich zu lernen. Die SchülerInnen lernen nicht das was ihnen die LehrerInnen vorgeben, sondern gehen in der Schule ihren Lerninteressen nach und erarbeiten sich so ein Bild von der Welt in der sie leben werden. Der Maßstab ist nicht, dass sie das lernen, was sie lernen sollen. Das ist nur Reproduktion des vorhandenen Wissens.

Was Falko Peschel in seiner Dissertation vorstellt – und was in Schulen die nach diesen Konzept des Offenen Unterrichts (offener-unterricht.net) arbeiten, sind wirklich das, was die Überschrift des Interviews als ‚Neue Lernkultur‘ bezeichnet. Das was Karl-Heinz Demmer vorstellt ist ‚alter Wein in neuen Schläuchen‘. Wie bei vielen in der Pädagogik bleibt bei ihm unangetastet, dass die LehrerInnen bestimmt, was gelernt wird und die SchülerInnen müssen das nun selbstbestimmt lernen. Immer noch ist der Kerngedanke der Reformpädagogik, das Kind und sein Lernen in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen nicht angekommen. Immer noch nutzt die ‚moderne Schule‘ nicht die Faszination das Lernen zu dürfen was für einen wichtig ist. Statt dessen besteht sie verbissen darauf, das der Lehrplan das A und O der Schule ist. Dabei zeigt Falko Peschel und die anderen Schulen, in denen SchülerInnen das lernen dürfen, was ihnen wichtig ist, dass diese SchülerInnen nicht – wie immer behauptet ’nichts‘ lernen – sondern dass sie einen gewaltigen Lernvorsprung vor traditionell lernenden SchülerInnen haben.

Es ist eben der Unterschied zwischen etwas lernen sollen, von dem andere meinen, es sei wichtig und etwas lernen, was eine SchülerIn interessiert, von dem sie meint, es sei wichtig für sie. Und das Lernen braucht gar nicht gelernt zu werden, das tun die Kinder schon bevor sie auf die Welt kommen, im Mutterleib. Manfred Spitzer (Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm) hat den Satz gesagt: „Das Gehirn ist von der Evolution auf Lernen optimiert und tut nichts lieber und kann nichts besser.“ Wenn es also in der Schule mit dem Lernen hapert, dann nicht weil die Kinder das Lernen noch nicht gelernt haben, sondern weil der Ansatz von Schule, das Lernen zu bestimmen, grundfalsch ist. Lernen funktioniert nicht nach Stundenplan und nicht in Lernhäppchen im Stundentakt.

Eine Schülerin der Grundschule Harmonie in Eitorf bei Köln formulierte das so: „Man kann zum Beispiel sagen: ‚Ich mach jetzt eine Seite Mathe‘ und man kann auch mittendrin die Arbeit wechseln – ohne jemand etwas zu sagen!“

Ein gutes Beispiel für das reformpädagogische Motto, das Kind in den Mittelpunkt seines eigenen Lernens zu stellen. Eine Schule so zu organisieren, dass solche Interessenwechsel möglich sind. Eine Organisationsform zu finden, die das aushält – nicht nur als Ausnahmefall sondern als Regelfall. So, dass selbstbestimmtes Lernen wirklich ein von den SchülerInnen selbst bestimmtes Lernen ist.

Die Aufgabe von Schule ist nicht notwendig belehren, bewerten, Lernen im Gleichschritt zu organisieren. Aufgabe von Schule kann auch ganz anders sein: Kinder bei selbstgewählten (nicht selbst ausgewählten) Lernarbeiten zu unterstützen, ohne diese selbstgewählten Lernarbeiten noch mit dem und jenem was der LehrerIn wichtig erscheint und was vom Lehrplan her ganz gut dazu passen würde, zu bereichern (?).

„Lernschwächere und lernstärkere Kinder“ sind eine Erfindung der Schule. Es bedeutet, dass Kinder einen vorgegebenen Lehrstoff schneller oder langsamer lernen, also als lernstärker oder lernschwächer gelten. Wenn diese Messlatte beiseite gelegt wird, braucht auch kein Kind mehr das Etikett: lernschwach oder lernstark. Jedes Kind lernt eben so gut es kann und möchte. Sicher wird es auch dann Unterschiede geben – aber eben nicht mehr auf einen Maßstab bezogen der am Klassendurchschnitt orientiert ist, sondern auf das individuelle Lernen des Kindes.