Hein Retter und Erich Weniger – die Sichtweise des Weltbundes

Hein Retter – Jahrgang 1933 – ist kein ‚verbiesterter Schreiberling‘, der Erich Weniger am Zeug flicken will. Auch wenn er selbst eingesteht, dass er der Tradition der ’schwarzen Betrachtungsweise‘ gefolgt ist, muss man klar sehen, dass Erich Weniger in seinen Sätzen Auffassungen formuliert hat, die ihm wirklich nicht zur Ehre gereichen. (Retter, Hein (1988): Einige Reflexionen zum Thema „Erich Weniger und die Militärpädagogik“ Zitate und Statements nach Durchsicht der Tagungsunterlagen zum Erich-Weniger-Symposium 28.-30.10.88 in Gifhorn)

Im Forschungsbericht von Benjamin Ortmeyer der Johan Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt von 2008 wird der Befund von Hein Retter von 1988 erweitert und bestätigt. (Ortmeyer, Benjamin (2008) Erich Weniger und die NS-Zeit, Forschungsbericht der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/M.)

Erich Weniger ist von 1931 – 1933 in der konstituierenden Sitzung 1931 Weltbundes für Erneuerung in der Erziehung (WEE), der deutschen Sektion des World Education Fellowship (WEF), als Vorsitzender etabliert worden. Weitere Mitglieder im Vorstand wurden Carl Heinrich Becker (Berlin, preussischer Kulturminister Minister a. D.), Julius Gebhard (Hamburg Erziehungswisenschaftler (Honorarprofessor), Robert Ulich (Dresden), Leo Weismantel (Markbreit/M.).

War unbekannt, dass Erich Weniger „dass er 1919/20 (in der Reichswehr, Einfübung JG) ‚im Stabe Noske‘ als ‚Propagandaoffizier‘ eingesetzt war.“ (Ebenda, Fußnote Nr. 8 Seite 9) Diese Information stammt aus der Entnazifizierungsakte – stand also in dieser Form erst nach dem 2. Weltkrieg zur Verfügung.

Hat man nicht wahrgenommen, dass Erich Weniger in seiner Dissertation (1921) über ‚Rehberg und Stein‘ über die ‚Bedeutung der Macht im politischen Leben‘ (Weniger: Rehberg und Stein, 1921, S. 22) und die realpolitischen Ansätze des Freiherrn vom Stein, der zwar die Französischen Revolution ablehnt, aber Teile der Ideen z. B. etwa Heeresreform für Preußen übernommen habe, geschrieben hat? Die biographischen Hintergründe der Freundschaft und Entfremdung zwischen August Wilhelm Rehberg und dem Freiherrn vom Stein werden auf dem Hintergrund diskutiert, einerseits an „alte deutsche Verhältnisse“ anzuknüpfen (Weniger: Rehberg und Stein, 1921, S. 21), Ortmeyer schätzt die Wirkungsgeschichte dieser Detail-Studie als eher gering ein, da nur ein kurzer Auszug einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde. Weniger selbst kommt vor allem in seinen militärpädagogischen Schriften mehrfach auf den Freiherrn vom Stein als Militärreformer zurück. Die Schriften entstanden auch erst nach seiner Zeit als Präsident beim Weltbund.

Wie hat man in seiner Habilitation „Die Grundlagen des Geschichtsunterrichts“ im Jahr 1926 die von ihm dargelegte Auffassung verstanden, die das Verhältnis welches Kindern zur Geschichte haben und haben können diskutieren. Bei der Auswahl des Stoffs postulierte er den Vorrang des politischen Geschehens vor der kulturellen Geschichte. Er vertrat die Auffassung, es sei das „Recht der Geschichte (…) ein nationales Bildungsmittel zu werden“ (Weniger, Grundlagen, 1926, S. 6). Geschichte steht also im Dienst der Politik und rechtfertigt ihre aktuellen Ziele. Welches Verhältnis sollen Kinder zu so einer geklitterten Geschichte entwickeln?

1952 erschienen ein Sammelband „Die Eigenständigkeit der Erziehung“, mit 42 Aufsätzen, vor allem aus der Zeit der Weimarer Republik – nur ein Aufsatz ist von 1935: „Der pädagogische Streit und die Wirklichkeit der Erziehung“ (Weniger, Erich: Die Eigenständigkeit der Erziehung in Theorie und Praxis. Probleme der akademischen Lehrerbildung, Weinheim ohne Jahr. Diese Aufsätze waren auch schon 1931 zugänglich. Ob sie und wenn ja welche Erkenntnisse für die Einstellung Erich Wenigers bringen könnten, werden weder von Hein Retter noch im Forschungsbericht erwähnt.

Der Kreis um Hermann Nohl hat, folgt man Heinz-Elmar Tenorth, den Begriff Reformpädagogik und die Beschreibung pädagogische Bewegung entscheidend geprägt – zumindest finden sie sich in den Veröffentlichungen aus diesem Zirkel. Bis 1914 waren diese Begriffe weitgehend unbekannt. (Heinz-Elmar Tenorth, Reformpädagogik – Erneuter Versuch, ein erstaunliches Phänomen zu verstehen Antrittsvorlesung. 30. November 1992, Humboldt-Universität Berlin, S. 11)

Es ist daher verständlich, dass Erich Weniger von 1931 – 1933 in der konstituierenden Sitzung 1931 Weltbundes für Erneuerung in der Erziehung (WEE), der deutschen Sektion des World Education Fellowship (WEF), Vorsitzender wurde. Auch die weiteren Mitglieder im Vorstand waren aktiv in die Reformpädagogik verwickelt.

Es lässt sich erkennen, dass alle Mitglieder das Interesse des Kreises um Herman Nohl – ihn eingeschlossen – teilten: die vielfältigen Veränderungen im schulischen Bereich sollten als ‚Reformpädagogik‘, als ‚Neue Pädagogik‘ wahrgenommen werden, die sich von der ‚Alten Pädagogik‘ – der des Kaiserreiches – deutlich absetzte.

Ob damals schon zu erkennen war, dass Erich Weniger auch noch andere, den Zielen des Weltbundes widersprechende Interessen hatte, die Militärpädagogik, ist nicht bekannt. Zu dem Urteil: „Erich Weniger begrüßte – ohne dass er NSDAP-Mitglied war – vor allem auf der Basis eines deutschen Nationalismus und Militarismus trotz dieses oder jenes Vorbehalts begeistert das NS-Regime und stellte seine Konzeptionen in seinen Dienst.“ (Ortmeyer, Benjamin (2008), S. 7) kam ja erst der Forschungsbericht von 2008.

Hein Retter formuliert es so:

„An die Stelle der ‚Militärs‘ setzt Weniger das ‚Soldatentum‘, das durch den Krieg und das Erleben des Krieges geformt wird. So gesehen wird man Weniger besser gerecht, wenn man statt von Militärpädagogik von Kriegspädagogik spricht:

Fronterlebnis
‚Es war doch schön und es soll nicht umsonst gewesen sein…‘ (Weniger, 1920)“

Wer den ganzen Beitrag von Hein Retter lesen möchte, kann ihn Erich Weniger als Militärpädagoge von der Seite der TU Braunschweig >> Punkt 3: Reformpädagogik, Diktatur, Demokratie als PDF herunterladen.

Die Fellowship bzw. der Weltbund wollte einen weiteren Krieg verhindern, und hatte sich dezidiert einer demokratischen Erziehung verschrieben.

Der eklatante Widerspruch zwischen dieser Bewertung und einem entsetzlichen Krieg mit (geschätzt) bis zu 40 Mio. Toten weltweit, mit den verstörenden Erfahrungen wie dem Gaskrieg, bei dem ca. 112.000 t Giftgas eingesetzt wurden und bei dem z.B. beim Einsatz von Senfgas durchaus ins Kalkül gezogen wurde, dass pflegeaufwändige Schwerverletzte die Gegenseite mehr belasten als Tote. Oder dem Grabenkrieg mit an dauerhaften und befestigten Frontlinien, an denen Millionen von Soldaten in einen sinnlosen Kampf verstrickt waren, nur um unter ungeheuerlichen Verlusten winzige Geländegewinne zu erzielen, dem Luftkrieg bei dem ‚Bomber‘ erstmals eingesetzt wurden, dem Seekrieg, mit der größten Seeschlacht der Weltgeschichte mit sinnlosen Opfern ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Mit neuartigen Waffen wie der Maschinenpistole, die auch ‚Grabenfeger‘ genannt wurde oder Panzern …

Die deutsche Sektion der World Education Fellowship, des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung wurde 1931 neu gegründet. Die Initiatoren waren Elisabeth Rotten und Karl Wilker. Der Weltbund angetreten, um durch die Erziehung Völkerverständigung zu erreichen, eine ‚Befähigung zum Frieden‘ zu erreichen.

Im ersten Heft der Zeitschrift: ‚Die Internationale Erziehung‘ Januar 1920 wurden Botschaften abgedruckt, hier ein Auszug:

Johann Gottfried Herder wurde im ersten Beitrag von Elisabeth Rotten zitiert:

„Das Göttliche in unserm Geschlecht ist Bildung zur Humanität …, sie ist der Schatz und die Ausbeute aIIer menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß; oder wir sinken, höhere und niedre Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.“ (Briefe zur Beförderung der Humanität. 24 Brief)

1919 schrieb G. Lowes Dickinson, Professor am King’s College, Cambridge (England):

„Für den Plan Ihrer ‚Internationalen Erziehungsrundschau‘ habe ich die wärmste Sympathie, wie sie jeder haben muß, der der Überzeugung ist, daß die Welt vor der Wahl, zwischen endgültiger Zerstörung oder Wahrung und Weiterführung der Zivilisation steht, und daß das Heil einzig in der wechselseitigen Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den verschiednen Völkern der Welt liegt. (…) Sie (die Erziehung, Einfügung JG) hat es vermocht, wie wir Übergenug gesehen haben, den Geist einer Nation sich selbst zu entfremden, indem sie ihr das falsche Ideal des bloßen Nationalismus unterstellt. Wie viel mehr muß sie fähig sein, an Stelle dessen jene universalen Ideale zu pflegen, die keiner Nation besonders, sondern der Menschheit angehören.“ (Auslassung im Original)

Aus seinem Buch: „After the War“ („Nach dem Kriege“), London 1915 wurde ein längerer Abschnitt eingerückt (hier ein Teil davon):

„Der Adel eines Volks liegt nicht in seiner Befähigung zum Krieg, sondern in seiner Befähigung zum Frieden . . . Das haben alle Menschen von tiefer Seelenkenntnis gewußt, nicht nur die Religionsstifter, sondern auch die weltlichen Lebenskünder. Virgil, Dante, Goethe, Shelley haben Frieden nicht weniger gepredigt als Jesus Christus oder Franz von Assisi oder George Fox. Und Friede ist nicht nur ein negatives Ideal, er ist die Voraussetzung für alle positiven …

Und ich hoffe. Ich hoffe, weil ich an die Jugend glaube. An sie wende ich mich nun. Euch, Ihr jungen Menschen, war es durch ein tragisches Schicksal gegeben, mit Euren Augen zu sehen und mit Euren Ohren zu hören, was der Krieg wirklich ist.“ (Auslassung im Original)

Paul Natorp, Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Marburg schrieb:

„Von der Gesundung der geistig-sittlichen Beziehung von Volk zu Volk hängt die Gesundung der wirtschaftlichen und politischen Wechselbeziehungen ebenso wesentlich ab, wie sie umgekehrt auf diese angewiesen ist. Aussichtslos ist daher jedes Bestreben auf Einigung der Völker, das nicht bis auf diesen letzten Grund zurückgeht und alle Kräfte aufruft, die von innen her der zu einer gefährlichen
Höhe gewachsenen gegenseitigen Blindheit und Taubheit und daher Fühllosigkeit und Feindschaft der Völker entgegenarbeiten können. Daher wird letzten Grunds alle Arbeit auf eine Einigung der Völker im zweiten Sinne „pädagogisch“ sein müssen; nicht im Sinne einer von außen heranzubringenden Verstandesaufklärung oder Moralpredigt oder künstlerischen oder religiösen Einwirkung. Die Aufgabe ist vielmehr die ernstere einer innersten Umwandlung der ganzen Stellung von Mensch zu Mensch, ja der ganzen Auffassung des Menschendaseins auf Erden, seines Sinns und Zwecks …

Ich sehe überhaupt keine Hoffnung, wenn es nicht gelingt, durch die bittre Schule der Not … zu erkennen, daß anders als in freier, gegenseitig fördernder Zusammenarbeit, auf die Dauer keiner mehr zu einem lebenswerten Leben auf Erden kommen kann, daß aber ein solches förderndes Zusammenarbeiten nur möglich ist auf Grund eines bessern gegenseitigen Verstehens und guten Willens.
Marburg, August 1919.“ (Auslassung im Original)

Jane Ellen Harrison, L. L. D. D. Litt. Fellow and Lecturer am Newnham College, Cambridge, England. Korrespondierendes Mitglied des K. K. Arch. Instituts schrieb 1919:

„Ich hab die gute Nachricht des Plans einer Internationalen Erziehungsrundschau erhalten und kann es mir nicht versagen, Ihnen zu schreiben, wie warm ich dieses Unternehmen begrüße. Wenn ich es recht verstehe, so ist das Ziel dieser neuen Blätter, die Völker einander näherzubringen in gemeinsamer Hinwendung zu einem neuen Erziehungsideal. Dieses neue Ideal bedeutet nicht die Aufprägung irgendwelcher überlieferter Formen oder Lehren; es will vielmehr zur freien Entfaltung innerster Anlagen verhelfen. Es will versuchen, anstatt die Jugend in eine Sphäre der Verneinung und Zerstörung hineinzustellen, das Schaffen zu Ihrem Lebenselement zu machen; es will statt der Lust an Erwerb und Besitz sie mit Freude an persönlicher Schöpferkraft durchglühen. Diese Schöpferkraft wird, so dürfen wir hoffen, allmählich äußre Disziplin, Zwang und Rivalität überflüssig machen. Eine Welt von Schaffenden und Gestaltenden, das war im Altertum das „höchste Gut“ des Aristoteles; eine solche Welt ist das neue Jerusalem, nach dem unsre Zeit verlangt. Und wir hoffen und glauben, daß der Bau dieser Stadt das Werk der zur Bruderschaft erwachten Völker sein wird.
Newnham College, Cambridge, 30. November 1919.“

Die Zitatenreihe ließe sich fortsetzen.

Über den Widerspruch zwischen den Aussagen von Erich Weniger und den Bekenntnissen des Weltbundes zum Frieden und zur Völkerverständigung auch durch Erziehung kann nicht hinweggesehen werden.

Hein Retter stellt in seinem Beitrag eine Reihe von Gedanken und Fragen vor. War Erich Weniger Antisemit? Wie war seine Einstellung zum Pazifismus? Kann der Tod auch nur eines Menschen irgendeinen Krieg – aus welchem Grund und mit welcher Begründung auch immer – rechtfertigen?
Der erste Jahrgang von 1920 Der Zeitschrift: ‚Internationale Erziehungsrundschau‚ kann hier eingesehen und als PDF von der Internetseite des Weltbundes heruntergeladen werden.

Auch aus späterer Zeit ist nichts erklärendes zu berichten:

„Von Erich Weniger wurden zweifelhafte Rechtfertigungsideologien, angepaßt an die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, als Mittel eingesetzt, um den Krieg zu legitimieren. Die Opfer an Zerstörung und Menschenleben, die dafür zu erbringen sind, wurden entweder als „heldenhaft“ hervorgehoben oder als sachlich notwendig betrachtet; die Vermeidung von Krieg als moralische Pflicht ist bei Weniger in jener Zeit, in der er sich mit der nationalsozialistischen Führung arrangierte, um an als Betreuungs- und NS-Führungsoffizier der Wehrmacht tätigsein zu können, nicht vorfindbar. Die Realität der Opfer spielte allerdings auch schon vor 1933 für ihn eine untergeordnete Rolle. (…)

Angesichts eines weiteren globalen (Atom-)Krieg, dessen Gefahr noch keineswegs abgewendet ist, fragt Hein Retter:

„Was kann man heute von einem Pädagogen halten, der die Kriegsverherrlichung auf die Spitze treibt, indem er die ‚Wirklichkeit des Krieges‘ als unabdingbar hinstellt für die Formung des Volkes ‚als politische Kraft‘ (Kriegeserinnerung Kriegserfahrung, 1935) – und sich auch nach 1945 keineswegs distanziert hat von früheren Grundüberzeugungen?“ (Auslassung im Original)

Auch der Forschungsbericht der Johann Wolfgang Goethe-Universität von 2008 zeichnet kein freundlicheres Bild.

Watanabe, Takanobu (2004): Erich Weniger als Vorsitzender der deutschen Sektion des „Weltbundes für Erneuerung der Erziehung“, in: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, 10. Jg., S. 217–233

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