Replik zum Blogbeitrag „Neue Lernkultur?!“

Es ist zugegebenermaßen ein abgenutzter Kniff, einem Kritiker entgegenzuhalten, er habe die eigenen Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen und dann mehr oder minder absichtlich missverstanden. Hier jedoch ist der Einwand berechtigt, denn es hat den Anschein, als hätten meine Äußerungen in der „Wirtschaftswoche“ nur zum Anlass gedient, ein Bekenntnis zur „wahren“ Reformpädagogik abzugeben.

Wer das Interview liest, kann bereits dem Titel entnehmen, dass es hier nicht um die Reformpädagogik geht, sondern um die Fragwürdigkeit der „Neuen Lernkultur“ sowie ihre pädagogischen und politischen Implikationen. Die Reformpädagogik wurde dabei von mir nur deswegen ins Spiel gebracht, weil die „Neue Lernkultur“ auf Methoden zurückgreift, die in der Reformpädagogik entwickelt wurden. Die eigentlichen, vom Verfasser des Blogbeitrags betonten Zwecke der Reformpädagogik werden dabei jedoch pervertiert. Auf diese Pervertierung zielt das Interview, nicht auf die Reformpädagogik und ihr eigentliches Anliegen, dem ich zwar nicht ganz so viel abgewinnen kann wie mein Kritiker, aber weitaus genug, um darüber keinen Streit vom Zaun zu brechen. Insofern ist es wirklich ein grobes Missverständnis, wenn mir unterstellt wird, mit der skizzenhaften Beschreibung der Unterrichtspraxis der „Neuen Lernkultur“ (2. Frage) hätte ich reformpädagogische Praxis beschreiben wollen. Es versteht sich von selbst, dass kein überzeugter Reformpädagoge so vorgehen würde – zum Glück.

Bei dem vermeintlich „grundlegenden Missverständnis in Bezug auf die Reformpädagogik“ handelt es sich aus meiner Sicht eher um eine Meinungsverschiedenheit, die daraus resultiert, dass wir von unterschiedlichen Positionen aus argumentieren.

Mein Kritiker argumentiert auf der Basis eines orthodoxen Verständnisses von Reformpädagogik, das sich natürlich nicht in der beliebigen Mischung von Methoden erschöpft, sondern die Selbstwerdung des Kindes/ Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt. „Orthodox“ ist hier nicht abwertend gemeint, eine solche Haltung mag aber schnell verkennen, dass jenseits der Zirkel überzeugter Reformpädagogen deren Methodenrepertoire faktisch als Werkzeugkasten benutzt wird, sei es um schulischen Regelunterricht in einzelnen Aspekten adressatengerechter zu gestalten, sei es als pädagogisches Feigenblatt oder eben in ideologisch verschleiernder Absicht, wie ich es der „Neuen Lernkultur“ unterstelle, weil es ihr im Kern nicht um die Entfaltung von Menschen, sondern von disponiblem Humankapital geht.

Ich argumentiere von dieser Faktenlage aus und komme daher zu dem Schluss, dass es keine an sich guten reformpädagogischen Methoden gibt, sondern dass deren pädagogische Qualität vom Kontext und den Zwecken, denen sie dienen sollen, abhängt. Der Zweck ist hier ein den humanen Absichten der Reformpädagogik zuwiderlaufender, ich sehe aber manche Reformpädagogen in der Gefahr, dass sie diese politische Instrumentalisierung verkennen und sich dann willig vor den Karren der „Neuen Lernkultur“ spannen lassen. Dass im Übrigen auch die Ziele und Zwecke der Reformpädagogen keineswegs so einhellig humanistisch waren, wie von meinem Kritiker suggeriert, sei hier nur am Rande vermerkt.

Eine letzte Klarstellung ist mir noch wichtig: Die Entstehung des Begriffs „Neue Lernkultur“ lässt sich historisch klar auf eine programmatische Debatte in der Erwachsenenbildung der 1980er Jahre zurückführen. Ab etwa der Jahrtausendwende wurde der Begriff dann auch in die Schule eingeführt mit dem Anspruch einer grundlegenden Neuorientierung des Unterrichts.

Warum ich diese Neuorientierung für problematisch halte, habe ich in dem Interview deutlich zu machen versucht. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es müßig und irreführend, den Begriff „Neue Lernkultur“ nachträglich für die Reformpädagogik als „wirklich“ neue Lernkultur zu reklamieren (hier mit Bezug auf Peschel). Dies läuft auf einen Hase-und-Igel-Wettlauf hinaus, bei dem die „Neue Lernkultur“ der Igel ist. Sie hat den pädagogisch-politischen Diskurs besetzt und ist insofern beunruhigend wirklich.

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